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»Alles wirkliche Leben ist Begegnung«

... und so war es in der Silvesternacht des Jahres 1977, dass sich zwei Männer begegneten, die die Welt veränderten. Nur durch ihr Gespräch. Wie haben Helmut Schmidt und Anwar as-Sadat das gemacht? An Weihnachten würden die beiden hundert. Deshalb verraten wir jetzt, was in jener Nacht geschah
Sadat und Schmidt auf der denkwürdigen Nilkreuzfahrt 1977: Am Tag Augen für die Schönheit Ägyptens, des Nachts Ohren für Religion und Friedenspolitik. (Foto: Helmut Schmidt Archiv)
Sadat und Schmidt auf der denkwürdigen Nilkreuzfahrt 1977: Am Tag Augen für die Schönheit Ägyptens, des Nachts Ohren für Religion und Friedenspolitik. (Foto: Helmut Schmidt Archiv)

Publik-Forum.de: Herr Professor Kuschel, die Politiker Helmut Schmidt und Anwar as-Sadat haben Sie zu einem Buch inspiriert. Es dreht sich darin um ein einziges Gespräch zwischen den beiden, in der Nacht des 31. Dezember 1977 auf dem Nil. Es ist 41 Jahre her: Was soll uns heute daran interessieren?

Karl-Josef Kuschel: Es ist ein Gespräch, das man von Schmidt so gar nicht erwartet. Es passt nicht zu dem Image, das viele ihm als rein funktionalem Macher verpasst haben. Deshalb ist es vielen auch unbekannt. Er selbst aber hat immer wieder öffentlich von seiner Begegnung mit Sadat berichtet, von diesem Gespräch über Religion, wie es einmaliger und bedeutender kaum sein könnte. Es hat Schmidt verändert. Auf eine Weise, wie es viele Menschen heute verändern könnte. Er schreibt im dritten Band seiner Memoiren über Sadat die Sätze: »Niemals vorher oder nachher habe ich mit einem ausländischen Staatsmann derart ausführlich über Religion gesprochen. Ich habe ihn geliebt. Wir waren bis auf zwei Tage gleichaltrig. Unsere nächtliche Unterhaltung auf dem Nil gehört zu den glücklichsten Erinnerungen meines politischen Lebens.« Und wenn schon Helmut Schmidt zu so einem öffentlichen Liebesbekenntnis fähig ist, dann muss wahrhaftig etwas passiert sein unter dem Sternenhimmel Ägyptens.

Was ist denn passiert?

Kuschel: Die beiden Männer haben einander wirklich erreicht. Es war ein tiefes Verstehen zwischen ihnen, in dieser Silvesternacht.

Eine echte Verbindung …

Kuschel: Ja. Es gibt einen wunderbaren Satz von Martin Buber, dem großen jüdischen Religionsphilosophen: »Alles wirkliche Leben ist Begegnung.« Genau das müssen Schmidt und Sadat gespürt haben. Es war eine Begegnung, die etwas bewirkte, veränderte, die neue Perspektiven erschloss. Helmut Schmidt hatte das Glück, in Anwar as-Sadat eine Vertrauensperson zu haben, die er von mehreren Staatsbesuchen in Bonn schon gut kannte. Nun machte Schmidt mit seiner deutschen Delegation einen Gegenbesuch. Dem offiziellen Termin folgte ein privates Programm. Dazu gehörte die Fahrt auf dem Nil von Luxor nach Assuan, einen Tag und eine Nacht.

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In den kommenden Weihnachtstagen würden beide Männer hundert. Schmidt hatte am 23. Dezember Geburtstag, Sadat am 25. »Was für ein Zufall!«, kann man sagen. Schmidt sah darin vielleicht mehr? Er erwähnte die Gleichaltrigkeit explizit.

Kuschel: Ja, die Zeugnisse verraten, dass Schmidt in dieser Gleichaltrigkeit einen Teil des Geheimnisses ihrer engen Beziehung sah. Begegnungen mit Menschen widerfahren einem, wie man sagt. Sie sind nicht steuerbar, nicht verfügbar. Die Verbindung der beiden war schon vorher eng, da erlebten sie das nächtliche Gespräch auf dem Nil. Es hat sie beide noch enger zusammengeführt. In der religiösen Sprache gibt es dafür ein Urwort: Gnade. Begegnungen, die einen wirklich betreffen, die etwas verändern, leben davon.

Was hat Schmidt so beeindruckt an Sadat?

Kuschel: Sadat war tief verwurzelt in islamischer Frömmigkeit und Gläubigkeit. Zugleich wusste er über 5000 Jahre ägyptischer Geschichte bestens Bescheid, wie Helmut Schmidt sich erinnert. Er selber beschreibt sich in vielen Stellungnahmen, in denen er auf Sadat Bezug nimmt, immer als Lernenden. Das ist ja nichts, was man von Schmidt gewohnt ist. Normalerweise doziert er, weiß er mehr als andere, in der Weltwirtschaft, in der Politik. Aber in diesem Fall ist er eher demütig und erklärt: Ich habe vieles nicht gewusst, von Sadat habe ich gelernt. Er hat mich aufgefordert, den Koran und die Thora zu studieren, die komplexe Geschichte der Religionen kennenzulernen. Schmidt sah: Der religiöse Faktor darf in der Weltpolitik nicht länger ausgeklammert oder verharmlost werden. Frieden und Gerechtigkeit sind nicht ohne die Menschen in den Religionen, schon gar nicht gegen sie herstellbar.

Und der knochentrockene deutsche Sozialdemokrat wurde zum Religionsversteher? Zu einem anderen Weltpolitiker?

Kuschel: Schmidt bezeugt jedenfalls immer wieder seine langjährige Ignoranz gegenüber den Religionen, die sich in dieser Nacht auflöste. Er habe nicht gewusst, sagt er, dass die drei monotheistischen Religionen dermaßen viele Gemeinsamkeiten hätten. Dass ihr Gottesverständnis sich ähnele, dass ihre Geschichten aufs Engste miteinander verwoben seien. Dass viele der biblischen Überlieferungen von der Schöpfungsgeschichte bis zu den Erzählungen von Mose, Noah und Abraham im Koran ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Zentral auch: dass der Koran ausführlich auf die Geburt Jesu eingeht, dass er sagt: »Das ist Jesus, der Sohn Marias«, dass er von den Zweifeln der Menschen einerseits und deren Glauben an einen großen Propheten andererseits erzählt. Schmidt merkt: Es gilt, die eigene Ignoranz zuzugestehen und zu bekämpfen. So wird er ein Kronzeuge interreligiösen Lernens par excellence. Und das haben viele in unserem Lande heute noch vor sich! Deshalb finde ich dieses Gespräch so bedeutend. Es setzt Maßstäbe für das Miteinander, das wir in unserer Gesellschaft dringend brauchen (...)

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