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»Es brodelt in der Kirche«

Im Mai sorgte ein Frauenstreik in der katholischen Kirche für Aufsehen. Die Aktion Maria 2.0 geht weiter – und schlägt immer höhere Wellen. Fragen an die Mitinitiatorin Andrea Voß-Frick
von Markus Dobstadt vom 31.07.2019
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Andrea Voß-Frick (links) sagt: »Die Aktion Maria 2.0 geht weiter!«. Im Mai 2019 streikten bundesweit Frauen (und auch einige Männer) gegen die Zustände in der römisch-katholischen Kirche, unter anderem, wie im Bild zu sehen, vor dem Ulmer Münster. (Fotos: privat;  pa/dpa/Karl-Josef Hildenbrand)
Andrea Voß-Frick (links) sagt: »Die Aktion Maria 2.0 geht weiter!«. Im Mai 2019 streikten bundesweit Frauen (und auch einige Männer) gegen die Zustände in der römisch-katholischen Kirche, unter anderem, wie im Bild zu sehen, vor dem Ulmer Münster. (Fotos: privat; pa/dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

Publik-Forum.de: Frau Voß-Frick, tausende Katholikinnen haben im Mai für den Zugang von Frauen zu Weiheämtern gestreikt. Die Bischöfe haben die Forderung aber zurückgewiesen. Was überwiegt bei Ihnen: Die Freude über die große Resonanz oder der Ärger über die Bischöfe?

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Andrea Voß-Frick: Wir ärgern uns wenig, weil wir natürlich wissen, dass wir ziemlich viel Geduld mit unserer Kirche haben müssen. Und zugleich sehen wir, dass vieles in Bewegung geraten ist. Überall brodelt es. In Münster hatten wir kürzlich den Fall eines Priesters, der sich in einer Predigt unsäglich zum Thema Missbrauch geäußert hat, Teile der Gemeinde haben daraufhin die Kirche verlassen. Bei einem Pontifikalamt im Paderborner Dom kamen die Frauen weiß gekleidet, als Ausdruck ihrer Sehnsucht und Hoffnung, dass sich in der Kirche etwas ändert. Das sind ganze starke Zeichen. Die Menschen nehmen nicht mehr alles hin, zeigen ihren Unmut und fordern Dinge ein.

Wie geht es mit Maria 2.0 jetzt weiter?

Voß-Frick: Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und Maria 2.0 rufen im September und Oktober gemeinsam zu Aktionen auf. Die kfd startet am 23. September zur Herbstsynode der Deutschen Bischofskonferenz eine Aktionswoche. Wir von Maria 2.0 bereiten im Anschluss daran eine Aktionswoche parallel zur Amazonassynode im Oktober in Rom vor. Wir rufen nicht explizit zum Streik auf, aber wir wollen auf den Kirchplätzen erneut unsere Sehnsucht nach einer Kirche zeigen, die alle Menschen willkommen heißt. Wir werden Wortgottesdienste feiern und Andachten.

Wissen Sie inzwischen, wie viele Maria 2.0-Gruppen es gibt?

Voß-Frick: Nein, das wissen wir nach wie vor nicht. Eine Kölner Gruppe hat inzwischen einen Newsletter entwickelt. Darüber kann man Aktionen aus Gemeinden in Deutschland verbreiten und einen Überblick bekommen.

Sie werden von den großen Frauenverbänden, der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und dem Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) unterstützt. Was bedeutet das für Maria 2.0?

Voß-Frick: Vernetzung in jeder Form ist für uns ganz wichtig. Wir arbeiten auch gut mit Wir sind Kirche zusammen. Die Sozialen Medien sind dabei eine Riesenchance. Viele haben in den letzten Jahrzehnten als Einzelkämpferinnen vor sich hingewurschtelt. Das ist vorbei. Jetzt gehen wir alle in dieselbe Richtung. Und es ist mittlerweile auch allen Verbänden klar, dass es nur gemeinsam geht. Als Maria 2.0 sind wir ein ganz guter Knotenpunkt. Viele können sich an uns andocken, ohne das Gefühl zu haben, da ist eine Konkurrenz oder ein anderer Verband. Wir sind nach wie vor kein Verein, sondern eine freie Initiative.

Es gibt ja auch eine Gegenbewegung, die konservative Initiative »Maria 1.0. Maria braucht kein Update«. Gibt es Kontakte?

Voß-Frick: Wir erleben es selten, dass Kritiker mit uns diskutieren wollen. Die direkte Auseinandersetzung mit uns wird meist gescheut. Das finde ich schade. Denn Argumente kann man ja austauschen. Wir wünschen uns gerade eine Kirche, die Vielfalt ermöglicht. Darin sollen auch diejenigen eine Heimat finden können, die gerne eine lateinische Messe feiern. Oder die keine Frau als Priesterin ertragen, aus welchen Gründen auch immer. Es wäre ja alles gut nebeneinander möglich.

Die Bischöfe verweisen in ihrer Ablehnung der Frauenordination auf das Apostolische Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« von Johannes Paul II. von 1994. Darin wird die Weihe von Frauen grundsätzlich ausgeschlossen. Braucht es Bischöfe, die mal allen Mut zusammennehmen und eine Frau zur Diakonin weihen?

Voß-Frick: Das hätte in jedem Fall harsche Konsequenzen. Die Bischöfe sollten in Rom immer wieder darauf aufmerksam machen, dass die Tür für die Frauenweihe im Moment zwar zu ist, aber dass der Bischof von Rom den Schlüssel dafür in der Hand hält. Es ist auch die Frage, ob bestimmte Schritte nicht den Bischofskonferenzen überlassen werden können.

Papst Franziskus lässt den nationalen Bischofskonferenzen ja durchaus Freiheiten. Die katholische Kirche in Malta eröffnet etwa wiederverheirateten Geschiedenen den Zugang zur Kommunion.

Voß-Frick: Genau. Bei der Frauenordination gibt es wahrscheinlich keinen Weg für solche Insellösungen. Da müsste es einen Papst geben, der seinen Schlüssel benutzt. Aber viele andere Fragen, die auf unserer Wunschliste stehen, kann man natürlich so lösen. Die Amazonassynode wird möglicherweise die eine oder andere Tür öffnen.

Was erwarten Sie von dieser Synode im Oktober in Rom?

Voß-Frick: Ich hoffe, dass dabei deutlich wird, dass das Damoklesschwert einer Kirchenspaltung, die oft befürchtet wird, gar nicht existiert. Die Kirche sollte sich bewusst werden, dass sie viel Macht hat Frauen in der ganzen Welt zu stärken und zu ermutigen.

Was halten Sie von dem Traditionsargument? Es habe noch nie eine Weihe von Frauen gegeben?

Voß-Frick: Jesus hat auch keine Männer geweiht. Und zu sagen, das haben wir noch nie so gemacht, finde ich schwierig. Wenn Jesus so gehandelt hätte, dann gäbe es das Christentum gar nicht. Es ist ja erst durch ein Weiterdenken der Tradition entstanden, Jesus hat sie zumindest infrage gestellt. Das Traditionsargument ist für Christen daher nicht angemessen.

Nach dieser Argumentation müssten die Bischöfe ja auch wie Jesus als Wanderprediger durchs Land ziehen.

Voß-Frick: Ja, in Sandalen und arm wie die Kirchenmäuse.

Die katholische Kirche will als Folge des Missbrauchsskandals einen synodalen Weg beginnen. Erwarten Sie wirkliche Veränderungen?

Voß-Frick: Ich habe schon die Sorge, dass es, wie so oft in der Vergangenheit, beim Reden und bei Absichtserklärungen bleibt und keine Taten folgen werden.

Wenn die katholische Kirche sich ändern würde, wären dann die Austrittszahlen geringer? Bei der evangelischen Kirche, in der es auch Pfarrerinnen gibt und kein Zölibat, sind sie sogar noch etwas höher als bei den Katholiken.

Voß-Frick: Wenn die Kirche bleibt, wie sie ist, wird die Marginalisierung weitergehen. Wenn man weiter ein Ort sein möchte, der die Sehnsucht nach Spiritualität und Gottglauben erfüllen kann, muss man etwas ändern. Dabei geht es nicht nur um die Frauenfrage und den Zölibat, es geht eher darum, dass die Kirche eine glaubhafte Verkünderin der Botschaft des Jesus von Nazareth wird. Dass Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe in den Mittelpunkt gestellt werden. Dies kann offenbar auch die evangelische Kirche nicht ausreichend vermitteln.

Was glauben Sie, wie steht die Kirche in zehn Jahren da?

Voß-Frick: Unser Atem ist sehr lang. Aber ich bin auch überrascht, wie viel jetzt passiert. Es kommen so viele Anfragen, es finden Aktionen statt trotz der Ferienzeit. Das ist sehr ermutigend. Jetzt müssen wir am Ball bleiben. Denn wenn wir jetzt den Druck rausnehmen, versandet alles und wird wie vorher. Wenn wir es diesmal schaffen, weiter auf die Straße zu gehen und unsere Sehnsucht zu formulieren, dann könnte sich tatsächlich etwas bewegen.

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Personalaudioinformationstext:   Andrea Voß-Frick, geboren 1970, Diplompsychologin und Tagesmutter, wohnt in Münster. Gemeinsam mit anderen entwickelte sie die Initiative »Maria 2.0«. Die Idee entstand an einem Dezemberabend 2018; im Mai 2019 folgte der bundesweite Frauenstreik in der Kirche.
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