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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2019
Und die Demokratie lebt doch!
Schülerstreiks, Bienen-Volksbegehren, Frauenrechte
Der Inhalt:

»Geschlechterrollen ändern sich langsam«

von Viola Rüdele vom 08.03.2019
Vor hundert Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen. Die Kirchenhistorikerin Gisa Bauer über fortschrittliche Christinnen und konservative Rollenbilder in der Kirche

Publik-Forum: Frau Bauer, wie religiös war die Frauenbewegung vor hundert Jahren?

Gisa Bauer: In der bürgerlichen Frauenbewegung waren viele katholische und evangelische Frauen, auch einige Jüdinnen waren dabei. Da die Bewegung überkonfessionell war, spielten religiöse Fragen keine große Rolle. Im Hintergrund stand jedoch ein christliches Bewusstsein. Viele der führenden Frauen kamen aus einem Pfarrhaus. Sie deuteten den Protestantismus als Religion der Gewissensfreiheit. Ein Element davon war die Frauenemanzipation. Im Kern war das also eine protestantische Bewegung.

Welchen Stellenwert hatte dabei die Forderung nach einem Wahlrecht?

Bauer: Das politische Wahlrecht hat nur ein kleiner radikaler Flügel gefordert. Darunter war beispielsweise Hedwig Dohm. Sie forderte das Wahlrecht schon in den 1870er-Jahren. Heute wirkt es konservativ, dass die bürgerliche Frauenbewegung kein politisches Wahlrecht gefordert hat. Aber ihre Ziele – Bildung und mehr Arbeitsmöglichkeiten für Frauen – sind sie progressiv angegangen. Denn Frauen durften damals nicht arbeiten, mussten also heiraten. Deswegen war Bildung so wichtig als Grundlage für Abitur und Studium, das Frauen Berufsmöglichkeiten eröffnet hat.

Haben die Kirchen die Frauenrechtlerinnen unterstützt?

Bauer: Sie waren nicht so progressiv, wie man sich das heute vielleicht wünschen würde. Zwar gab es Gruppen von Liberalen, die sich für Frauenbildung eingesetzt haben. Außerdem hat die Kirche mit ihren Diakonie-Einrichtungen auch Freiräume für Frauen geschaffen, die nicht heiraten wollten. Dort konnten sie als Diakonissinnen leben und etwa als Krankenschwester oder Lehrerin arbeiten. Aber man darf nicht vergessen, dass der Protestantismus damals so eng mit dem Staat verbunden war, dass er eigentlich nur widerspiegelte, was vorgegeben war. Der größere konservative Teil hat die Frauenemanzipation bekämpft. Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich Gegner unter anderem im »Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation« zusammen. Auch viele Pfarrer waren dabei.

Wie haben die theologisch argumentiert?

Bauer: Oft mit der Bibelstelle »Die Frau schweige in der Gemeinde«. Das wurde dann auf jede soziale Gemeinschaft gemünzt. Oder sie nutzte

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