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Pro und Contra
Brauchen wir mehr Ganztagsschulen?

Deutschlands Pisa-Ergebnisse sind so schlecht wie nie zuvor. Könnten Ganztagsschulen zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen?
vom 06.10.2026 Vorgelesen von einer künstlichen Stimme.
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 Helfen Ganztagsschulen den Kindern oder vor allem den Arbeitgebern? (Foto: pa/photothek/Michael Gottschalk)
Helfen Ganztagsschulen den Kindern oder vor allem den Arbeitgebern? (Foto: pa/photothek/Michael Gottschalk)

Raphaela Porsch: Ja!

Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie zeigen: Viele Schülerinnen und Schüler erwerben in ihrer Schullaufbahn nicht ausreichend Lesekompetenz, um am gesellschaftlichen und beruflichen Leben ausreichend teilnehmen zu können. Insbesondere Jugendliche mit Migrationsgeschichte liegen in den Leistungserwartungen deutlich zurück. Ermöglicht unser Schulsystem wirklich Chancengleichheit?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 19/2026 vom 09.10.2026, Seite 8
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Die vor mehr als 20 Jahren gestartete Ganztagsschulreform könnte nun helfen, den Unterricht so zu verändern, dass er zu einer echten Lernbegleitung der Kinder und Jugendlichen wird. Seit dem 1. August 2026 gilt bundesweit ein Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung in Klassenstufe eins. Der Anteil der Ganztagsschulen ist insgesamt gestiegen – regional unterschiedlich verteilt. Aber werden die gewünschten Ziele auch erreicht?

Die Ganztagsschule soll schließlich mehr erreichen als eine ganztägige Betreuung. Sie soll helfen, Familie und Beruf zu vereinbaren, Bildungsungleichheit zu verringern, Kinder und Jugendliche besser zu fördern durch die Verzahnung von Aktivitäten am Vor- und am Nachmittag.

Doch auch dort, wo die Anforderungen des Ganztagsförderungsgesetzes erfüllt sind, geht es immer noch vorrangig darum, die Kinder zu betreuen. Mehr Chancengleichheit bedeutet aber, dass Kinder an Ganztagsschulen gleich gut oder besser gefördert werden, als viele Familien es am Nachmittag leisten könnten. Eine kürzlich erschienene Studie von Julia Künstler-Sment zeigt, dass dies noch nicht funktioniert: Es bestehen keine signifikanten Unterschiede in der Lesekompetenz der Klasse neun zwischen Halb- und Ganztagsschulen.

Das ist ein ernüchternder Befund. Er spricht aber nicht grundsätzlich gegen Ganztagsschulen, sondern verweist auf die Qualitätsdefizite, die es dort gibt. Ganztagsschulen können einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit leisten. Dabei braucht es aber eine Rückbesinnung auf pädagogische Innovationskraft. Gerade die Ganztagsschule muss sich von einem reinen Lernort zu einem ganzheitlichen Lebensraum weiterentwickeln. Sie muss ein Ort des gemeinsamen Lernens, des Miteinanders, der Entspannung und der persönlichen Interessenentfaltung werden. Individuelle Lernzeiten statt Hausaufgaben könnten das ermöglichen. Es braucht eine altersgerechte Rhythmisierung des Tages und eine Zusammenarbeit mit externen Partnern wie Musikschulen und Sportvereinen.

Mehr qualitativ hochwertige Lerngelegenheiten für alle Kinder und Jugendlichen, das zeichnet »echte« Ganztagsschulen aus. So können sie wesentlich zur Chancengleichheit beitragen.

Andreas Wagner: Nein!

Es ist eine Art Reflex. Nach jeder neuen Pisa-Studie heißt es: Wir brauchen mehr Ganztagsschulen. Wenn viel nicht geholfen hat, muss noch mehr her. Haben sich die Schulleistungen verbessert? Oder ist der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Elternhaus geringer geworden? Wurde der demografische Trend gebrochen?

Gemessen an den Versprechungen, mit denen die Offensive für die Ganztagsschulen vor ungefähr 25 Jahren einherging, sind die Ergebnisse enttäuschend. Ganztagsschulen sollten helfen, endlich Wahlfreiheit für beide Elternteile herzustellen. Ohne externe Betreuungsmöglichkeit bliebe ein Elternteil an Heim und Herd gefesselt, in den allermeisten Fällen die Frau.

Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich viel getan. Der Beruf Hausfrau/Hausmann ist quasi ausgestorben. Aber wurde dadurch wirklich Wahlfreiheit erreicht? Für die Mehrheit gibt es aus ökonomischen Gründen gar keine Alternative. Wie war es eigentlich möglich, dass früher Alleinverdiener eine fünfköpfige Familie gut versorgen konnten? Heute subventioniert der Staat mit ungeheuren Summen ein bestimmtes Familienideal und drängt damit seine Bürger zu einem bestimmten Verhalten. Mit wirklicher Wahlfreiheit hat das wenig zu tun. Hinzu kommt der subtile gesellschaftliche Rechtfertigungsdruck auf die, die sich selbst um ihre Kinder zu Hause kümmern.

Für die Arbeitgeber jedenfalls ist der Ausbau der Ganztagsschulen ein echter Erfolg: Dem Arbeitsmarkt wurde neues Humankapital zugeführt, der Fachkräftemangel abgefedert. Das familiäre und gesellschaftliche Leben hat sich immer mehr dem Primat der Erwerbsarbeit untergeordnet. Die Ganztagsschule dient in erster Linie dazu, Erwerbsarbeit zu ermöglichen. Um die Kinder an sich, ihre Schulleistungen, ihr Sozial- und Freizeitverhalten geht es jedoch offenbar nicht. Kinder, die den ganzen Tag fremdbetreut werden, erleben sich und die Erwachsenen in ihrer Umgebung als zu betreuende, oder als betreuende Wesen. Nicht aber als selbstverständlichen Teil einer sozialen Gemeinschaft.

Auch das äußere Setting aus Gebäude, Einrichtung, Aufsichtspflicht, Verhaltensregeln ist hochgradig künstlich. Es ist darauf ausgelegt, eine extrem unnatürliche Gruppe von 20 bis 30 altersgleichen Kindern möglichst störungsfrei über den Tag zu bringen. Man könnte inzwischen erkannt haben, dass dies kein günstiges Entwicklungsumfeld ist. Nach 25 Jahren Ganztagsoffensive wäre es an der Zeit, den Schalter umzulegen. Was Kinder für ihre Entwicklung vor allem brauchen, sind Freiheit und Geborgenheit. Beides kann die Ganztagsschule nicht hinreichend leisten.

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Personalaudioinformationstext:   Raphaela Porsch ist Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für Schulpädagogik und allgemeine Didaktik an der Universität Vechta.

Andreas Wagner ist Gymnasiallehrer für Geschichte und Musik in Trier.
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