Zur mobilen Webseite zurückkehren

Aggressive Gesellschaften auf der Psychocouch

von Norbert Copray vom 16.06.2006

Lloyd deMause
Das emotionale Leben
der Nationen
Drava. 384 Seiten. 34 EUR

Terror und Krieg, Unterdrückung und Gewaltausbrüche sind nicht die Ursachen, sondern sind die Symptome für gesellschaftliche Krankheitszustände. So sehen es die kritische politische Psychologie und die mit ihr verbundene Psychohistorie. Typische Vertreter dafür sind Arno Gruen, Hans-Eberhard Richter, Alice Miller und - als Begründer der Psychohistorie - der amerikanische Politikwissenschaftler und Psychoanalytiker Lloyd deMause. Er kritisiert die traditionelle Geschichtswissenschaft und das traditionelle Denken in den Sozialwissenschaften. DeMause will historische Vorgänge durch eine methodisch begründete Analyse der bewussten und unbewussten psychologische Motive der geschichtlich Handelnden begreifen. Das bringt ihm von Seiten der etablierten Wissenschaften, die sein Vorgehen unwissenschaftlich finden, heftige Kritik und Ablehnung der Psychohistorie ein. Doch wer die Herangehensweise, die Erkenntnisse und die Perspektiven verfolgt, die deMause entwickelt, wird seinen psychohistorischen Ansatz zweifellos ergiebig und bereichernd finden.

In seinem neuen Buch über »Das emotionale Leben der Nationen«, das sein Denken glänzend zusammenfasst, beantwortet deMause die Frage, warum es zu kriegerischen und terroristischen Ereignissen kommt und wie Kriege und Gewaltpotenzial überwunden werden können. Der Golfkrieg wird von ihm als »emotionale Störung« beschrieben. Sie hat damit zu tun, dass eine bestimmte in der Nation untergründig vorhandene Bereitschaft auf einen ebenso gewaltbereiten Anführer trifft. Die nationale Bereitschaft wird dabei durch den gleichen Anführer oder seine Vorgänger herbeigeführt. Ronald Reagans Kindheit war »ein Albtraum von Vernachlässigung und Missbrauch, in seinem Fall beherrscht von einer religiös besessenen Mutter und einem gewalttätigen Alkoholiker-Vater«, der ihn mit dem Stiefel zu treten pflegte und ihn und seinen Bruder verdrosch. George H. Bush wurde von seinem Vater regelmäßig mit einem Gürtel oder Rasierabziehriemen auf den Hintern geschlagen. Permanente Angst vor dieser Situation wurde zum ständigen Lebensbegleiter. Dieser Disposition von Persönlichkeiten entspricht auf der anderen Seite eine vorhandene oder herbeigeführte Disposition der nationalen Stimmung. So gehen bestimmte Formen der Kindererziehung und ihre Traditionen mit bestimmten kollektiven Stimmungen und Gefühlen der Depression,

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen