Der Kommunikationsinfarkt
Ein Begriff macht die Runde: Kommunikationsinfarkt. Selbst Medienwissenschaftler benennen den Zustand der öffentlichen Kommunikation mit dieser Alarm-Vokabel – spätestens seit die Massenmedien vom Pegida-Umfeld pauschal als »Lügenpresse« bezeichnet wurde. Doch anders als beim Herzinfarkt kommt etwas hinzu, das mit chirurgischen Eingriffen allein nicht zu bekämpfen ist: ein rapider Vertrauensschwund zwischen den professionellen Kommunikationsmittlern und einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft. Im Bild gesprochen: Das Blut zirkuliert noch immer, die Informationen fließen reichlich, aber der lebenswichtige Sauerstoff gelangt nicht mehr an die richtigen Stellen.
Die Entpolitisierung des Politischen
Demokratie besteht nicht darin, dass die Bürger regelmäßig wählen gehen, sondern im gut informierten und verständigungsorientierten Gespräch der ganzen Gesellschaft. Ist dieser Austausch durch verlorenes Vertrauen blockiert, ist Gefahr im Verzug. Ein fataler Kreislauf beginnt, denn Vertrauen entsteht erst aus Verständigung. Ohne Vertrauen jedoch scheitert Verständigung.
Die politische Klasse hat ihren Anteil an diesem Dilemma. Doch auch Medienmacher in verantwortlichen Positionen sind aufgrund ihrer Schlüsselrolle die Spielmacher. Dieser Befund ist zugespitzt, aber er liegt nahe genug bei der Wahrheit, um ernste Besorgnisse zu rechtfertigen – ganz unabhängig von den demagogischen Parolen der Medienhasser von Pegida. Im Gegenteil, deren schrille Übertreibungen im Hassbegriff der »Lügenpresse« lenkt von den tatsächlich bestehenden Defekten unserer öffentlichen Kommunikation ab, die dringend einer seriösen Debatte bedürfen.
Was läuft da schief im Verhältnis der Gesellschaft zu ihren Massenmedien? Zwar bleiben die demokratischen Institutionen mitsamt der Volksvertretung und der Parteienvielfalt, der freien Presse und dem geheiligten Wahlakt am gewohnten Platz, aber die Bürger erkennen nicht mehr, was eigentlich los ist und was ihnen in diesen Prozessen widerfährt. Viele fühlen sich als Fremde im eigenen Haus. Und es werden mehr.
Worum geht es dabei im Einzelnen? Es sind vor allem drei systematische Fehlentwicklungen: Erstens wird das Politische von Medienmachern entpolitisiert. Zweitens werden Themen aus einer mittelstandsfixierten Perspektive angegangen und ausgewählt. Drittens drängt es einflussreiche Teile des politischen Journalismus zum gezielten Mitregieren ohne Mandat.
Inszenierung statt Information
Die journalistische Konstruktion des Bildes der politischen Wirklichkeit ist durch die verschärfte Konkurrenz um die immer knapper werdende Aufmerksamkeit am Medienmarkt noch problematischer geworden. Die Logik dieses Marktes prägt die beiden journalistischen Grundfunktionen der Politikvermittlung: die Auswahl der Themen und die Art ihrer Präsentation. Sie treten zwar auf, als spiegelten sie die Welt wider. In Wahrheit aber wählen sie einzelne Elemente aus dem tatsächlichen politischen Geschehen gezielt aus, um sie nach ihren bewährten Aufmerksamkeitsregeln mit dem künstlichen Leben ihrer Inszenierungsroutine neu zu arrangieren.
Zwei Filter entscheiden über alles, was auf der Medienbühne erscheinen darf: Erstens die Selektionslogik der Auswahl des »Wichtigen« anhand von Nachrichtenfaktoren. Eine Rolle spielen dabei der Überraschungswert, der Schaden, die kurze Dauer, die Personalisierung und die Prominenz. Zweitens die unterhaltsame Neuinszenierung mit der Dramatisierung, den Mythen und dem Blick durchs Schlüsselloch. Das Politische wird dabei nicht nur vereinfacht, sondern oft gründlich verzerrt.
Das Dilemma der Talkshow
Die Talkshow wurde dabei zum verbreiteten Modell medialer Politikvermittlung erkoren. Dort streiten Prominente, scheinbar getrieben von ganz persönlichem Eifer, von Vorlieben, Machtinteressen und Darstellungsdrang. Oft zanken sie ums pure Rechtbehalten. Das aber verdeckt, worum es im politischen Leben geht, anstatt es offenzulegen. Diese Vorstellung einer verzankten Familie in der Endlosschleife erzeugt im Publikum Widerwillen und Abwendung.
Der Zeit-Journalist Bernd Ulrich hat die Optionen des Journalismus so beschrieben: »Entweder der politische Journalist macht sich zum Sprachrohr der Politikverdrossenheit und der Politikverachtung, signalisiert, dass er die Politik genauso ekelerregend und/oder langweilig findet wie die Leser, es aber besser ausdrücken kann. Dann profitiert er eine Weile von den Zerfallsenergien des Politischen. […] Oder aber: Der Journalist versucht trotz aller Kritik, Verständnis für die Politik und die demokratischen Prozesse in komplexen Gesellschaften zu wecken und dabei respektvoll mit den Akteuren umzugehen. Dann ist er jedoch stets in der Gefahr, mit dem Gegenüber zu fraternisieren und sich dem Leser zu entfremden.«
Die politischen Verständnis-Journalisten dominieren leider nicht das mediale Bild der Politik. Der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger kam in seinen empirischen Untersuchungen schon 1998 zu dem Ergebnis, die vorherrschende Art der Vermittlung der Politik komme ihrer »Demontage« gleich und erzeuge wachsende Politikverdrossenheit in der Gesellschaft. Diese Warnung ist ohne Folgen geblieben. Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo der stillschweigende Kooperationsvertrag zwischen der Gesellschaft und ihren Medien, welcher der Demokratie zugrunde liegt, in eine bedenkliche Krise geraten ist. Die Entfremdung beachtlicher Teile der Gesellschaft von den Massenmedien und der Politik wächst. Medien und Politik hören die Stimmen der Gesellschaft nicht mehr.
Zu den allgemeinen Entfremdungswirkungen dieses Talkshow-Modells der medialen Vermittlung der Politik kommt seit etwa anderthalb Jahrzehnten in Deutschland eine zunehmende Ausblendung der Sichtweisen und Interessen des unteren Drittels der Gesellschaft: der Unterschichten und der von Abstiegsängsten geplagten Teile der Mittelschicht und damit eines höchst gewichtigen Teils der Gesellschaft. Ihre Probleme und vor allem deren politisch-ökonomische Ursachen spielen nur noch gelegentlich und dann eher am Rande eine Rolle. Im dominanten medialen Weltbild haben sie keinen Platz mehr.
Eine neoliberale Journalistenriege dominiert
Eine neoliberale Journalistenriege hat in den Redaktionen die Regie übernommen. Und so werden soziale Leistungen jeglicher Art und soziale Sicherheit, die ja in einer Demokratie wie der Bundesrepublik ihre Quelle in sozialen Bürgerrechten (mit europäischem Verfassungsrang) haben, als »Wohltaten« dargestellt, sozusagen als unverdiente Opfer der »Leistungsträger« für den problematischen Teil der Gesellschaft. Schon durch diese zur Routine gewordene journalistische Sprache wird fortwährend der Eindruck bestärkt, die neoliberale Sichtweise der Demokratie und ihrer sozialen Dimension sei die selbstverständliche Norm der Republik.
Solche Begriffe verwandeln auf den ersten Blick neutrale Artikel in nicht gekennzeichnete ideologielastige Kommentare. Die großen sozialen Probleme, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Verformung der Demokratie durch die Macht der Wirtschaft führen in dieser von einem neubesitzbürgerlichen Journalismus verwalteten Öffentlichkeit ein kümmerliches Schattendasein. Kein Wunder, dass sich die große Zahl jener Menschen, die das direkt in ihrem sozialen Lebenskern betrifft, in einer solchen Welt fremd fühlen. Das Vertrauen in die Öffentlichkeit schmilzt dahin.
Prinzipielle Debatten und Infragestellungen der politischen Journalisten untereinander fehlen fast völlig. Das hat mit der Medienkonzentration zu tun. Jeder weiß, dass er mittlerweile, wenn der Markt es will, in jedem der weiland so heftig politisch konkurrierenden anderen Medienhäusern landen kann. Das zähmt und das verschärft das Herdenverhalten. Der Mainstream schützt und immunisiert die beruflich Verunsicherten zugleich. Ohne ernsthafte Kollegenkritik wächst die Neigung der unbelangbaren Journalisten zu dem, was der herausragende FAZ-Journalist Frank Schirrmacher kurz vor seinem frühen Tod 2014 als unerträgliches »journalistisches Übermenschentum« gebrandmarkt hat.
Journalisten als Ko-Politiker
Bei einer zentralen Gruppe von Alpha-Journalisten ist eine Erosion professioneller Maßstäbe zu beobachten. Sie agieren, als hätten sie ein privilegiertes politisches Mandat, das sie zur unmittelbaren Einmischung in das politische Geschehen ermächtigt. Als Einzige verfügen sie ja über den direkten Zugang zur Öffentlichkeit. Und so bestimmen sie nicht nur über Themen und ihre Aufbereitung, sondern auch über das Hoch- und Niederschreiben der politischen Repräsentanten. Gegebenenfalls in schwarmartig entstehenden Kampagnen bis zu deren Entfernung aus dem Amt, wie der Fall Wulff gezeigt hat.
Journalisten werden zu Ko-Politikern im politischen Prozess, über den sie zugleich berichten, den abschließenden Kommentar liefern und als Schiedsrichter maßgeblich mitentscheiden – eine für die Demokratie nicht sonderlich bekömmliche Mixtur. Verschärft werden so die Tendenzen der Entfremdung der Gesellschaft vom politisch-medialen System.
Es ist schon wahr, in den sozialen Netzwerken des Internets wird gegen die etablierten Massenmedien und den selbstgerechten Journalismus der Unbelangbaren aus allen Rohren geschossen. Gelegentlich werden auch die Richtigen und das Richtige dabei getroffen. Aber mehr noch als beim Journalismus der großen Massenmedien prägen nicht jene das Bild, die ihre Kritik sachlich, argumentativ und respektvoll vortragen. Sondern oft sind es Pöbel-Gemeinschaften, die durch maßlose Selbstgerechtigkeit, extreme Selektivität ihrer Quellen und Bezüge die Gebrechen der Medienöffentlichkeit statt zu korrigieren noch einmal gewaltig überbieten.
Damit steigern sie die Gefahr des Kommunikationsinfarktes. Die große basisdemokratische Wende zur »Liquid Democracy«, der Mischform von repräsentativer und direkter Demokratie, ist bislang jedenfalls ausgeblieben; und an Online-Diskussionen beteiligt sich keineswegs die ganze Gesellschaft mitsamt der aus dem offiziellen Diskurs Ausgeschlossenen. – Offenbar spielen gerade die Letzteren im Netz gleichfalls nur eine marginale Rolle.
Die Rolle des Internets
Sind das Übergangsprobleme? Wird das Internet mit seiner gigantischen Reichweite und seinen beispiellosen Möglichkeiten der massenhaften Partizipation seine schon beinahe messianischen Verheißungen irgendwann doch noch erfüllen? Immerhin: Im Netz gibt es weniger Filter; alle können mitmachen und Inhalte generieren; es gibt keine Alpha-Journalisten mit Öffentlichkeitsmonopol. Momentan versinken jedoch große Teile der politischen Netzkommunikation (jedenfalls außerhalb kleiner Spezialforen) im großen Chaos der wilden Diskursfetzen, emotionalen Bekundungen, mitunter an Wahn grenzender Rechthaberei und anonymen Beleidigungen, die dem Internet bereits den Titel »Pöbelmaschine« eingebracht haben. Als Medizin gegen den drohenden »Kommunikationsinfarkt« fällt es bislang noch aus. Was wir jetzt dringend brauchen, ist ein großer gesellschaftlicher Dialog, in dem der Grundvertrag zwischen Gesellschaft, Politik und Massenmedien erneuert wird. Auf ihn ist die Demokratie zu ihrem Gedeihen angewiesen.
