»Der Meeresspiegel wird weltweit steigen«
Publik-Forum: Herr Levermann, es wird berichtet, dass das Westantarktische Eisschild am Südpol der Erde einen Kipppunkt überschritten hat und die mehrere hundert Meter dicke Eisschicht nun komplett abschmelzen wird. Wissenschaftler sprechen von einer »Zäsur in der Menschheitsgechichte«. Warum?
Anders Levermann: Weil es das erste Mal ist, dass wir sozusagen live einen solchen Kipppunkt erleben. Schon 1978 hat der Forscher John Mercer im renommierten Fachblatt Nature vorhergesagt, dass, wenn wir den CO2-Ausstoß nicht bremsen, das westantarktische Eisschild kippen wird. Jetzt scheint für einen Teil dieses Eisschildes dieser Punkt erreicht, das zeigen übereinstimmend mehrere Studien, teils gestützt auf Satellitendaten.
Wie lange wird der Schmelzprozess dauern und welche Folgen hat er?
Levermann: Es ist mehr ein Abgleiten als ein Schmelzen. Wir wissen nicht, wie lange er dauern wird. Womöglich viele hunderte Jahre, es gibt unglaubliche Eismengen dort. Wir wissen nur, dass das Abgleiten in den Ozean in diesem besonderen Teil der Wetantarktis nicht mehr gestoppt werden kann. Und wir wissen, dass die Folgen langfristig gravierend sein werden. Der Teil, der jetzt instabil geworden ist, wird langfristig den Meresspiegel weltweit zusätzlich um einen Meter ansteigen lassen. Auch das Eis im Hinterland der Westantarktis kann instabil werden. Dann wären es dreieinhalb Meter, um die der Meeeresspiegel steigen könnte. In der Ostantarktis gibt es einen weiteren Bereich mit ähnlichen Eismengen. Der ist jedoch noch nicht gekippt. Den können wir retten, wenn wir den Ausstoß an Treibhausgasen rasch und deutlich reduzieren und damit die globale Erwärmung begrenzen.
Was passiert in der Arktis im nördlichen Teil der Welt?
Levermann: Im Gegensatz zur Antarktis schwimmt in der Arktis nur gefrorenes Meerwasser. Wenn das schmilzt, erhöht das den Meeresspiegel nicht. Nur Grönland ist ein mit Eis bedeckter Landsockel, genau wie die – allerdings ungleich größere – Antarktis.
Und auf Grönland schmilzt das Eis ebenso, oder?
Levermann: Das Eis auf Grönland schmilzt seit längerer Zeit, aber bislang sind das nur kleinere Mengen. Bisher wird der Anstieg des Meeresspiegels zum einen davon bestimmt, dass sich aufgrund von steigenden Temperaturen die ungeheuren Wassermengen der Ozeane ausdehnen. Zum anderen lassen die schmelzenden Gebirgsgletscher den Meeresspiegel steigen. Aber auf lange Sicht ist auch Grönland wichtig: dort sind insgesamt sieben Meter potenzieller Meeresspiegelanstieg gespeichert, in der Westantarktis fünf Meter und in der Ostantarktis mehr als fünfzig Meter. Nochmal: Das dauert, es geht hier um große Zeitspannen. Aber es zeigt, weshalb wir uns Sorgen machen müssen für die Zukunft.
Was ist für Europa in den nächsten 30, 40 Jahren zu befürchten?
Levermann: Bis 2040 wird der globale Meeresspiegel voraussichtlich um etwa zwanzig Zentimeter steigen. Das ist dreimal schneller als in den letzten hundert Jahren, aber verkraftbar. Zu bedenken ist, dass die Entwicklung beim Klimawandel in den nächsten vierzig Jahren bereits durch die Emissionen der Vergangenheit festgelegt ist. Jetzt entscheiden wir, wie die Welt für die Generation unserer Kinder und Enkel aussehen wird. Bis 2040 werden wir ein Plus von zwei Grad globaler Erwärmung erreicht haben. Die Frage ist, ob danach die Temperaturen weiter hochgehen, oder ob wir die Erwärmung stoppen. Darüber entscheiden wir in den nächsten 15 Jahren. Das ist nicht viel Zeit. Andererseits ist es jetzt noch machbar, umzusteuern – wenn es weltweit geschieht. Viele Klimaprozesse sind langfristig. Wie wir uns heute an die Römer erinnern, werden sich die Menschen in 2000 Jahren noch an uns erinnern als diejenigen, die den Meeresspiegel haben ansteigen lassen.
Das ist lange nach unserer Zeit, aber es kann uns nicht egal sein.
Levermann: Nein, und es könnte viel verloren gehen. Viele Millionenstädte liegen an den Küsten und zahlreiche Stätten des Weltkulturerbes. Bei einer Erwärmung um drei Grad steigt der Meeresspiegel so weit, dass langfristig etwa 150 wichtige Orte des Weltkulturerbes, rund ein Fünftel des Gesamtbestandes, im Wasser untergehen. Aber es gibt natürlich auch plötzliche klimabedingte Phänomene, wie die Zunahme von Wetterextremen.
Reichen aus wissenschaftlicher Sicht die Bemühungen der Politik aus, um den Klimawandel zu stoppen?
Levermann: Das Ziel der Bundesrepublik, eine CO2-Reduktion um 85 Prozent bis zum Jahr 2050 zu erreichen, ist vergleichsweise ambitioniert – und doch an der Untergrenze dessen, was wir brauchen. Die Europäische Union ist demgegenüber noch ein Stück weit zurück, aber sie ist aktiv. Europa verursacht zwar nur einen kleinen Teil der Emissionen, ist aber als Vorbild für die Welt sehr wichtig.
Und wird weltweit genug gegen den Klimawandel unternommen?
Levermann: Weltweit gesehen sind die Anstrengungen derzeit eindeutig nicht genug, um die Zwei-Grad-Grenze einzuhalten. Das, was bis jetzt auch nur versprochen wurde – und noch nicht umgesetzt ist – würde uns einen globalen Temperaturanstieg von dreieinhalb Grad bringen. Wenn wir weitermachen wie bisher wären es rund viereinhalb Grad. Weltweit gehen die Emissionen derzeit nach oben und steigen sogar noch schneller als in der Vergangenheit. Wir müssen in den nächsten fünf Jahren nicht auf null kommen, aber wir müssen die Kehrtwende geschafft haben. Angesichts rasant wachsender Länder wie China und Indien ist das eine enorme Aufgabe. Aber noch ist sie machbar. Die kürzlich von China und den USA angekündigten Klimaziele reichen nicht, aber sie könnten eine Wende bedeuten. Wir werden sehen.
Der Klimawandel wird dramatische Folgen haben, dennoch setzen sich auf den Klimakonferenzen immer wieder die Bremser durch. Wie ist das Problem zu lösen?
Levermann: Wir müssen die Leute unterstützen, die mit der Rettung des Klimas Geld verdienen wollen. Wenn der Ausstoß von CO2 weltweit einen Preis bekäme, wäre das als Einnahme für Finanzminister interessant, ganz unabhängig vom Klimawandel – und es würde Investoren ein klares Signal geben, dass es sich lohnt, Geld in grüne Technologien zu stecken. Wichtig ist hierbei, dass sich die Wirtschaft darauf verlassen kann, dass Kohlendioxid auch auf lange Sicht hin einen Preis behält. Nur auf diese Erwartung hin werden Unternehmensstrategien verändert. Die neusten Berechnungen des Weltklimarates zeigen, dass die Kosten des Klimaschutzes vergleichbar mit anderen Kosten sind, die die Gesellschaft auf sich nimmt, weil sie es politisch will. Zumal noch nicht einbezogen ist, was uns die Folgen des Klimawandels kosten werden.
Wie ist Ihre Prognose. Wird es gelingen, das Ruder herumzureißen?
Levermann: Machmal ist man verblüfft, wie schnell die Wirtschaft sein kann, wenn sie die richtigen Vorgaben bekommt. Die FCKW etwa waren innerhalb von kürzester Zeit vom Markt, als man gesehen, hatte, wie schädlich sie sind für die Ozonschicht der Erde. Damals haben zuerst die Öffentlichkeit und die Politik reagiert und dann die Wirtschaft.
Muss die Veränderung nicht tiefgreifender sein? Muss die Vorstellung, dass ewiges Wachstum möglich ist, nicht aufgegeben werden? Braucht es nicht eine grundlegende Änderung des Lebens, weg vom Konsum, um den Klimawandel zu begrenzen?
Levermann: Die Entkoppelung von wirtschaftlichem Wachstum und materiellem Verbrauch geschieht ja schon in manchen Teilen der Gesellschaft. Die Menschen haben ein großes Bedürfnis, dass sich etwas bewegt in ihrem Leben, – das kann man zum Beispiel mit wirtschaftlichem Wachstum befriedigen. Aber wie das auch ohne Materie geht, zeigt das Internet. Dort passiert ständig etwas, es gibt dort Kommunikation und unglaublich viel Kreativität. Die junge Generation konsumiert Immaterielles, ohne dass es ihr jemand vorschreibt. Das ist vielleicht ein Weg in die Zukunft. Vielleicht muss Konsum nicht immer mit materieller Zerstörung einhergehen.
