Michael Roth
Michael Roth, langjähriger SPD-Außenpolitiker, wirft der politischen Linken vor, sie habe im im »Umgang mit dem islamischen Fundamentalismus einen blinden Fleck«. Die Gründe für diese Zurückhaltung hätten unter anderem mit sozialdemokratischen Überzeugungen zu tun, wonach gemeinsame Werte und nicht die Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder einer Religionsgemeinschaft bedeutsam für das gesellschaftliche Zusammenleben sei, schreibt der ehemalige Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt im Informationsdienst IPG der Friedrich-Ebert-Gesellschaft.
Diese Haltung dürfe jedoch weder zu einer Verachtung von Religion noch zu einem religiösen Analphabetismus führen. »Wer über die eigene Religion wenig weiß, weiß über eine fremde meist noch weniger.« Wenn Religion aus dem öffentlichen Raum verdrängt werde, entstehe nicht nur Sprachlosigkeit, sondern auch »ein Vakuum, das islamistische Ideologen für die Radikalisierung junger Menschen nutzen«, schreibt Roth mit Verweis auf den französischen Laizismus.
In den großen Fluchtbewegungen der Jahre 2014 und 2015 habe Deutschland aus humanitärer Verpflichtung Millionen von Menschen aufgenommen, ohne nach ihrem Glauben zu fragen. Das war nachvollziehbar. »Daraus ist allerdings eine stillschweigende Übereinkunft geworden, über religiös begründete Konflikte lieber gar nicht erst zu sprechen. Vergessen werden dabei ausgerechnet jene, die vor islamischem Fundamentalismus geflohen sind: vor den Taliban, dem sogenannten Islamischen Staat oder dem Mullah-Regime in Teheran.« Wer aber aus Angst vor Pauschalisierungen über islamischen Fundamentalismus schweige, schütze nicht die Schwachen, sondern überhöre sie.
Hinzu komme ein Deutungsmuster, das in linken Kreisen häufig anzutreffen sei: die Einteilung der Welt in privilegierte Unterdrücker und diskriminierte Unterdrückte. »Die kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit ist überfällig und notwendig. In ihrer verkürzten Lesart erscheint das Christentum jedoch als Religion der Unterdrücker und der Islam per se als Religion der Unterdrückten. Historisch ist das unhaltbar.«
Die eigentliche Gefahr des islamischen Fundamentalismus, glaubt Roth, gehe weniger von Terroranschlägen aus als von systematischer Unterwanderung. »Wo das gelingt, wird vieles, was mit progressiver Politik unvereinbar ist, beiseitegeschoben, weil sich Teile der politischen Linken als Verbündete einer vermeintlich unterdrückten muslimischen Gemeinschaft verstehen.« Parlamentarier von SPD, Linken und Grünen verträten häufig Wahlkreise mit einem hohen Anteil muslimischer Wählerinnen und Wähler, deren Stimmen sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen möchten. »Das ist nachvollziehbar. Problematisch wird es dort, wo berechtigte Rücksichtnahme in politisches Schweigen umschlägt.«
Die politische Linke, so Roth, sei immer eine emanzipatorische Kraft gewesen. »Unsere Kämpfe waren nie allein ökonomische Kämpfe. Sie galten immer auch der Gleichstellung der Geschlechter und der Überwindung des Patriarchats.« Daran müsse man anknüpfen. »Wer all das zu Recht vom ‘alten weißen Mann’ einfordert, muss dies auch von eingewanderten Muslimen tun. Dies ist weder rechts noch islamfeindlich.« Gerade deshalb dürfe die Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus nicht den Nationalisten und Populisten überlassen werden.

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