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Kultur-Tipp
Es könnte weg, ist aber Kunst

Die Ausstellung »Radikal. Real.« in der Kunsthalle Mannheim zeigt, wie die Kunstbewegung Nouveau Réalisme in den 1960er-Jahren den Alltag und seine Überreste zur Kunst machte.
von Daniela Ordowski vom 11.08.2026
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 (Foto: Wilhelm-Hack Museum, Ludwigshafen; VG Bild-Kunst, Bonn 2026)
(Foto: Wilhelm-Hack Museum, Ludwigshafen; VG Bild-Kunst, Bonn 2026)

Ausstellung. Das Frühstück ist vorbei. Auf den Tellern liegen Reste, eine leere Kaffeetasse, daneben ein Zigarettenstummel in Asche. Das Tablett wurde nicht abgeräumt. Stattdessen hängt es nun senkrecht an der Wand. Daniel Spoerri hält mit »Le petit déjeuner de Bruno« (1965) einen alltäglichen Moment fest und macht ihn zum Kunstwerk.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 15/2026 vom 14.08.2026, Seite 55
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Genau darum geht es in der Ausstellung »RADIKAL. REAL. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er-Jahre« in der Kunsthalle Mannheim. Um 1960 begannen Künstlerinnen und Künstler in Frankreich, die Wirklichkeit nicht länger nur abzubilden, sondern sie direkt in ihre Werke einzubeziehen. Plakate, Schrott, Maschinen, Geschirr und Verpackungen wurden zum Material der Kunst. Mit rund 150 Werken zeichnet die Ausstellung diese Entwicklung nach.

Besonders eindrucksvoll ist Armans »White Orchid« von 1963. Der Künstler ließ einen weißen Sportwagen in einem Steinbruch bei Essen sprengen und befestigte die Überreste anschließend auf einer Holzplatte. So wird das Auto zum Bild: Türen und Karosserie stehen offen, der Motor liegt frei. Was einst für Wohlstand, Freiheit und Fortschritt stand, erscheint nun als fragiles Gefüge aus Blech, Kabeln und Schrauben.

Christo wurde später für seine spektakulären Verhüllungen von Gebäuden und ganzen Landschaften bekannt, doch zunächst verhüllte er Alltagsgegenstände. Einer der ersten Versuche ist mit »Drei Ölfässer« (1958) in der Ausstellung zu sehen.

Jacques Villeglé fand sein Material buchstäblich auf der Straße. Er löste zerrissene Werbeplakate von Wänden und Litfaßsäulen. Unter der obersten Schicht kamen ältere Bilder, Schriftzüge und Farben zum Vorschein. Die Spuren der Stadt wurden Teil des Kunstwerks.

So verschieden die Materialien der Ausstellung sind, so klar tritt der Kern des Nouveau Réalisme hervor: Die Konsumgesellschaft liefert den Stoff, die Kunst verändert den Blick darauf. Plakate, Schrott, Fässer oder Geschirr werden nicht verschönert, sondern aus ihrem gewohnten Zusammenhang gelöst und neu gelesen.

Es geht um Massenproduktion, Werbung, Technik, Energieverbrauch und Abfall, also um Fragen, die seit den 1960er-Jahren an Dringlichkeit nicht verloren haben. »RADIKAL. REAL.« wirkt erstaunlich gegenwärtig. Vertraute Gegenstände erscheinen plötzlich fremd und gewinnen eine neue Bedeutung. Wer die Kunsthalle verlässt, sieht den Alltag für einen Moment mit anderen Augen und fragt sich: Ist das nur ein Gebrauchsgegenstand oder könnte hier der Anfang von Kunst liegen?

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