DIE WÜRDE DES TIERES
Mein erster Molch! Ich werde ihn nie vergessen. Wieder einmal war ich in meinem Lieblingswald unterwegs und landete an einem kleinen Teich. Erwartet hatte ich, dass ich, wie schon so oft, die eine oder andere Kaulquappe finden würde, eine bizarre Köcherfliegenlarve oder einen bescheiden schillernden Stichling. Aber dann war plötzlich dieses wurmartige, längliche Tier in meinem Kescher, das in seinem fast verzweifelten Kampf immer wieder seine faszinierende orangefarbene Unterseite zeigte. Natürlich nahm ich den kleinen Kerl mit, zeigte ihn voller Stolz allen zu Hause, ob sie ihn sehen wollten oder nicht, und er gesellte sich in meinem kleinen Terrarium zu den anderen Bewohnern von Bach und Teich.« Damals war Rainer Hagencord elf Jahre alt. Zehn Jahre später studierte er katholische Theologie, arbeitete vier Jahre als Kaplan und hatte dann – wie er sagt, das Glück, Biologie studieren zu dürfen. Und da sind ihm einige Fragen gekommen: Wie kann denn eine Theologie nur den Menschen als beseelt formulieren? Wie kann es sein, dass eine Kirche, wenn sie von Bewahrung der Schöpfung redet, immer nur von Sonne, Mond und Sternen spricht, aber niemals von Puten, Hühnern und Schweinen? Rainer Hagencord: »Wenn ich die biblischen Texte lese, dann nehme ich sehr schnell wahr, dass die Tiere dort die Gesegneten sind, dass sie Bündnispartner Gottes sind, dass sie Lehrer und Lehrerinnen sind – nicht zuletzt auch für Jesus. Die Bibel kennt auch überhaupt keinen Dualismus, wonach nur der Mensch eine Seele hat und die Tiere nicht. Es gibt gar keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier, das Einzige ist, dass der Mensch Sachwalter Gottes ist und letztlich verantwortlich für alles. Der Begriff Würde kommt dem Geschöpf als von Gott her kommend automatisch zu.«
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