Diese eigenartige Unruhe
Wer kennt sie nicht, diese Unruhe, diese unbestimmte Sehnsucht nach dem »Mehr«, die einen umtreibt, wenn man eigentlich alles erreicht hat und dennoch spürt: »Das kann doch nicht alles gewesen sein.« Besonders in der Lebensmitte verdichtet sich dieses Gefühl, weil einem bewusst wird: »Ich gehe der Endlichkeit entgegen, die Zukunft schmälert sich.« Oft beginnt diese Reise mit einem erhöhten Bewusstsein für die Gegenwart, weil man sie plötzlich von ihrem Ende her erlebt. Ein Blick, eine Rose, ein Farbenspiel, ein zarter Akkord, eine schnurrende Katze. All das wird intensiver denn je erlebt und dankbar bestaunt. Abschiedlich leben will erahnt, geübt, erobert werden. Für manche geht es darum, dem Ruf ihrer Seele zu folgen, wie diese Frau: »Eigentlich war ich zufrieden, zumindest dachte ich es, aber da meldete sich immer wieder etwas aus meinem Inneren, als würde mein bisher Ungelebtes nach mir rufen. So entschied ich nach vielen schlaflosen Nächten, meine beruflichen Projekte in der Stadt aufzugeben und aufs Land zu ziehen, um dort meinen eigenen Rhythmus zu finden. Endlich wollte ich selbst bestimmen, wer und wie ich sein will.« Der eigenen Seele zu folgen findet heutzutage nicht viel Resonanz. Man diagnostiziert es vorschnell als Burn-out, Alterspanik oder Sinnkrise. Denn wer folgt schon seiner Seele?
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Irmtraud Tarr
arbeitete als Psychotherapeutin und Musiktherapeutin mit eigener Praxis in Rheinfelden. Sie hat zahlreiche Sach- und Fachbücher verfasst und ist eine international gefragte Konzertorganistin. Seit 2014 ist sie Professorin an der Universität Mozarteum in Salzburg im Fach »Performance Science«.

