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»Selam, Frau Imamin!«

von Britta Baas 01.04.2017
Die Berliner Anwältin Seyran Ates hat genug: Zu wenig Gleichberechtigung, zu wenig Demokratie, zu viel Patriarchat herrschen ihrer Meinung nach in viele muslimischen Gemeinden in Deutschland. Sie gründet jetzt eine neue. Mitten in Berlin. Gerade lässt sie sich zur Imamin ausbilden
Seyran Ates gründet zusammen mit anderen eine liberale Moschee in Berlin: Frauen und Männer willkommen, Imaminnen und Imame, Sunniten, Schiiten und Aleviten. (Foto: pa/Eventpress Stauffenberg)
Seyran Ates gründet zusammen mit anderen eine liberale Moschee in Berlin: Frauen und Männer willkommen, Imaminnen und Imame, Sunniten, Schiiten und Aleviten. (Foto: pa/Eventpress Stauffenberg)

Eine Moschee, in der Sunniten, Schiiten und Aleviten zusammen beten. In der Frauen Kopftuch tragen können – oder auch nicht. Und in der Imaminnen predigen – Imame natürlich auch. Seyran Ates gründet sie in Berlin. Vor wenigen Tagen hat sie zusammen mit sechs anderen den Gesellschaftervertrag unterschrieben. Ihr Projekt ist wegweisend für Deutschland.

Am 16. Juni soll das erste Freitagsgebet stattfinden. Nach Räumen – es gibt mehrere Angebote – wird noch gesucht; ein eigener Moscheebau ist in Planung: »Dafür sammeln wir Spenden.«

Im Juni wird Seyran Ates wohl noch nicht ganz fertig sein mit ihrer Ausbildung zur Imamin. Sie arbeit zielstrebig darauf hin, einmal selbst in ihrer Gemeinde vorbeten zu können: »Ich bin im vergangenen Jahr sehr viel hin und her gependelt zwischen der Türkei und Deutschland. Ich hatte in Istanbul eine Koranlehrerin, mit der ich angefangen habe, mich auf das Amt vorzubereiten. Hier in Deutschland arbeite ich weiter im Selbststudium. Sobald es in Berlin ein Institut für Islamische Theologie geben wird, möchte ich dort Theologie studieren. Ich lerne weiter! Denn ich will Imamin werden.« Am 16. Juni kommt Dr. Elham Manea nach Berlin und übernimmt diese Aufgabe beim ersten Freitagsgebet in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Sie ist gebürtige Muslimin aus dem Jemen und lebt in der Schweiz.

»Die Idee, in Berlin eine neue Gemeinde zu gründen, reift in mir seit 2009«, erzählt Ates. »Ich hatte eine Zeit in der deutschen Islamkonferenz hinter mir, die mir die Augen dafür geöffnet hat, dass liberale Musliminnen und Muslime – gläubige Menschen, denen ihre Religion wichtig ist – neue Moscheen brauchen.« Im Auge hat sie Einheimische, Neubürger und Fremde. Dass gerade unter Geflüchteten die Suche nach einem lebenswerten Islam beginnt, in einem freien Land, war Ates ein Ansporn, ihre Idee von 2009 nun endlich Wirklichkeit werden zu lassen.

Und warum heißt die Neugründung ausgerechnet nach einem muslimischen Freigeist des 12. Jahrhunderts und einem Dichter der deutschen Klassik? »Beide stehen für Freiheit, Aufklärung, für Spiritualität und Liebe zum Leben. Sie sind Brückenbauer zwischen Orient und Okzident«, sagt die streitbare Anwältin.

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Nur das Label »Reform-Gemeinde«, das nun hier und da in der Öffentlichkeit kursiert, will sie der Moscheegemeinde nicht anheften lassen: »Die allermeisten Muslime haben aktuell große Probleme mit dem Begriff Reform.«

Aber ist es nicht ein Zeichen reformerischen Geistes, wenn Muslime verschiedener Schulen zusammenkommen sollen? Frauen mit und ohne Kopftuch willkommen sind? Homosexuelle Menschen ihre sexuelle Präferenz nicht verstecken müssen? Keine Geschlechtertrennung beim Freitagsgebet gilt? Der Koran nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft ausgelegt werden soll? Seyran Ates hört lieber eine Bezeichnung wie »menschenfreundliche Moschee«. Mit dem großen christlichen Reformator Martin Luther, der in diesem Jahr deutschlandweit gefeiert wird, verbindet sie als Muslima ambivalente Gefühle: »Wir brauchen keine Reform im Sinne der christlichen Lehre.«

Diesen Satz nehmen ihr jene übel, die dem Islam in Europa zu Integrationszwecken zuerst einmal eine »Aufklärungskur« verschreiben wollen. Die sagen: Bevor der Islam in Gestalt seiner Anhängerinnen und Anhänger nicht die europäische Aufklärung nachholt – und zuvor geistesgeschichtlich bei ihrem Vorreiter Luther ansetzt – , braucht man gar nicht erst mit Muslimen zu reden. Ates macht dieser Argumentations-Automatismus wütend: »Es waren orthodoxe und konservative muslimische Gelehrte, die mit Verweis auf Luthers »Zurück zur Schrift« einem muslimischen Fundamentalismus zum Durchbruch verholfen haben, der uns im Islam bis heute viele Probleme macht.« Dafür könne Luther natürlich nichts, der zu seiner Zeit nicht habe ahnen können, welche Rezeptionsgeschichte sein »Sola Scriptura«-Gedanke einmal haben würde. Aber die Muslime täten sich selbst einen Gefallen, wenn sie sich an ihre eigenen Denk- und Glaubensschulen der Freiheit erinnerten: »Wir wollen die Aufklärer, die es im Islam gab – wie Ibn Rushd – wieder in Erinnerung rufen.«

Die Rechtsanwältin, die nun bald auch Imamin sein wird, ist in Berlin bekannt wie ein bunter Hund. Frau Ates’ Moschee werden sie deshalb wohl alle gern mal von innen sehen wollen. Darunter sind vermutlich auch ein paar theologische Gegner und – das ist nicht auszuschießen – echte Feinde. Mit gefährlichen Menschen hatte Seyran Ates zeitlebens zu tun. Morddrohungen gehörten in gewissen Jahren zu ihrem Alltag. Sie hofft, dass sich das nun, mit Beginn des Moschee-Betriebs, nicht wiederholt: »Der Gefahr der Unterwanderung durch Salafisten, Fundamentalisten und Rechtsradikale sind wir uns bewusst. Wir werden das zu verhindern wissen.«

Die Gründung der Moschee fällt in eine Zeit, in der angestammte Moscheevereine wie Ditib ins Zwielicht geraten, Imame unter Spitzelverdacht stehen, wieder andere Moscheen Orte der Radikalisierung sind. Vielleicht genau der richtige Zeitpunkt für eine inspirative Alternative? »Es ist eine Fügung Gottes, dass die Gemeindegründung jetzt gelingt«, sagt Ates bescheiden.

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Werner Rauch
02.04.201723:42
Na da ist Frau Ates doch weiter als der römische Teil unserer Kirche!
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