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Es wird manches nicht mehr so sein, wie es war

vom 16.04.2020
von Petra Reeg-Herget

Gedanken in der Krise

Es ist eine außergewöhnliche und zugleich beängstigende Situation. Ich sitze allein zu Hause. Eigentlich wollte ich heute nach Fischbachtal zum Kreistanz. Tanzend den Frühling begrüßen, die neu erwachende Lebenskraft spüren. Und nun sitze ich zu Hause. Von Lebenskraft spüre ich gerade wenig. Ich habe Angst vor diesem Virus, Angst, dass ich krank werde und die Menschen, die ich lieb habe. Ich spüre auch Trauer. Ich würde so gerne meine Enkelkinder besuchen. Der eine Enkel ist gerade mal eine Woche alt. Geboren in der Corona-Krise. Meine Kinder schicken mir Fotos und kleine Videoaufnahmen. Wie gut, dass es diese Medien gibt.

Meine Gedanken wandern zurück, in die Vergangenheit, zu meiner Herkunftsfamilie. Und ich merke, dass meine Großeltern und auch meine Eltern eine schwere Zeit, eine Krise bewältigen mussten. Vor fast achtzig Jahren hat mein Großvater meiner Großmutter auch Nachrichten geschickt. Aber nicht per WhatsApp. Es waren Briefe, die er geschickt hat. Er war in amerikanischer Gefangenschaft, fünf Jahre lang. Mein Vater hat seinen Vater mit fünf Jahren zum ersten Mal gesehen. Meine Großmutter musste den Bauernhof fünf Jahre lang alleine bewirtschaften. Sie hatte dabei noch vier Kinder zu versorgen, davon ein Zwillingspaar, nämlich meinen Vater und meinen Onkel, im Krieg geboren, ohne Versorgung im Brutkasten.

Auch meine Mutter wurde im Krieg geboren. Meine Oma mütterlicherseits hat alles verloren. Das Haus, in welchem sie in Offenbach gewohnt hat, wurde von einer Bombe getroffen. Ihr ganzes Hab und Gut hat sie verloren. In einem Dorf im Odenwald hat sie Unterschlupf gefunden, zusammen mit anderen ausgebombten Menschen. Sie hatten nur ein kleines Zimmer, welches sie mit anderen geflüchteten Menschen teilen musste – und sie hatten Hunger. Der kleine Bruder meiner Mutter, er war noch ein Säugling, ist gestorben. Weil er nicht rechtzeitig medizinisch ausreichend versorgt werden konnte.

Die Geschichten meiner Großeltern gehen noch weiter. Doch ich möchte wieder zurückkehren zum Hier und Jetzt, zu unserer derzeitigen Krise. Ich habe die Werte mitgenommen, die ich damals als Enkelkind in diesen Erzählungen gefunden habe. Das sind Werte, die mich heute noch begleiten. Viele Menschen haben damals zusammengehalten. Viele waren dankbar für ein Stück Brot, für ein paar Kartoffeln. Menschen, die nichts abgeben wollten, die zuerst nur an sich gedacht haben, die gab es damals natürlich auch. Heute begegnen mir solche Menschen, die in Form von Hamsterkäufen die Regale leerräumen. Die in den Supermärkten den Sicherheitsabstand nicht einhalten und gedankenlos die Brötchen ohne Handschuhe oder Zange aus der Klappe holen. Und ich frage mich, welche Werte diesen Menschen wichtig sind. Was haben sie in ihrer Kindheit gelernt und was geben sie jetzt weiter?

Als Erzieherin arbeite ich in einem Sozialberuf. Und auch da geht es um Werte. Ich beobachte bei vielen Kindern, dass es ihnen zunehmend schwer fällt, Rücksicht zu nehmen. Die Angst, zu kurz zu kommen, ist groß. Klare Strukturen, Regeln einhalten, das ist nicht mehr modern. Das Individuum steht im Vordergrund. Jeder soll sich selbst verwirklichen. »Kinder sind Konstrukteure ihrer Welt«, heißt es im hessischen Bildungsplan. Und da kommt bei mir die Frage auf, was für eine Welt manche Kinder mit ihren Wertevorstellungen da konstruieren.

Aber als Erzieherin muss ich mich auch zunehmend mit angeordneten Werten befassen. Werte, die für mich sehr befremdlich sind, die meines Erachtens letztendlich meine pädagogische Arbeit am Kind reduzieren. Qualitätsmanagement heißt das neue Zauberwort. Ich muss zunehmend Zeit mit protokollieren und dokumentieren verbringen, oftmals bei gleichzeitigem personellem Engpass. Leider betrifft diese Vorgehensweise alle Sozialberufe. Auch in der Altenpflege und im Krankenhaus ist das so. Welche Werte stecken denn hinter solchen Maßnahmen? Was ist denn wichtiger: Zeit für den Menschen oder Zeit für das Papier?

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Nun komme ich wieder zu der derzeitigen Krise zurück. Im Augenblick bleibt zumindest in den Krankenhäusern und Pflegeheimen weniger Zeit fürs Protokollieren und Dokumentieren. Es geht um das Überleben von Menschen. Hier gilt mein tiefer Respekt und mein großer Dank allen Menschen, die für uns arbeiten, die für uns da sind, die ganz vorne an der Virusfront arbeiten. Das sind die Berufe, die mit Menschen oder für Menschen arbeiten.

Für uns geht es jetzt um Zusammenhalt, gegenseitige Rücksichtnahme, darum, ermutigende Worte weiterzugeben, dunkle Gedanken zu vertreiben und über schwere Gefühle wie zum Beispiel Existenzängste offen zu sprechen. »Wenn man es ausspricht, wird es gleich ein wenig leichter«, sagte einst schon Hermann Hesse.

Nach dieser Krise wird manches nicht mehr so sein, wie es war. Lebensumstände werden sich vielleicht verändern, manche Menschen eventuell ihre Arbeit verlieren. Der Wohlstand, den wir in unserem Land aufgebaut hatten, wird sich wahrscheinlich etwas ändern.

Meine letzte Frage ist, auf welcher Grundlage wir das alles aufgebaut haben? Welche Werte haben wir in den letzten Jahrzehnten gelebt? Vielleicht war unser Wertefundament doch nicht so förderlich? Vielleicht hatten wir doch keine so tragfähige Basis für unseren Fortschritt, der immer schneller wurde, die Umwelt zusehends belastet und das Menschliche zuweilen ziemlich entfremdet hat?

An den Abschluss meiner Gedanken möchte ich ein Bild stellen: In meiner Kindergartengruppe gibt es eine Bauecke. Dort werden von den älteren Kindern oft kunstvolle Bauwerke gestaltet. Meist versuchen wir dann, die Bauecke zum Beispiel mit Stühlen abzusichern. Eine Vorsichtsmaßnahme, damit das Bauwerk nicht kaputt geht. Doch manchmal schafft es ein Zweijähriger, durch die Absperrung zu schlüpfen. Und dann gibt es den Zusammenbruch, die Zerstörung. Die Baumeister sind bitter enttäuscht. Es fließen Tränen, und sie sind auch wütend. Ich nehme mir Zeit, mit den Kindern über ihre Gefühle zu sprechen. Ich höre zu und zeige Mitgefühl, Verständnis. Danach besprechen wir, ob es vielleicht die Möglichkeit gibt, etwas Neues aufzubauen. »Aber es soll so sein wie vorher! Es soll wieder genauso aussehen! Ich habe doch so viel Arbeit damit gehabt!«, sagt ein Mädchen. Der Wunsch des Mädchens ist allzu verständlich. Ich ermutige die Kinder, mit ein paar Steinen wieder anzufangen. Wahrscheinlich wird es nicht mehr genauso aussehen wie vorher. Es wird anders sein. Aber wenn wir zusammenhalten und gemeinsam bauen, kann wieder etwas Neues, zum Beispiel auch ein neues Bauwerk, entstehen. So wie damals, bei meinen Großeltern.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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