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Ein Bayer in Münster

von Britta Baas 06.08.2018
Seine Vorlesungen waren legendär, seine »Theologie nach Auschwitz« hat die deutsche Debatte um Schuld und Versöhnung geprägt. Heute ist sie wieder hochbrisant. Johann Baptist Metz ist am 5. August neunzig geworden
»Wir brauchen, theologisch und politisch, eine Umkehr der Herzen«: Johann Baptist Metz - hier fotografiert während einer Vorlesung - ist gerade neunzig Jahre alt geworden. (Foto: KNA)
»Wir brauchen, theologisch und politisch, eine Umkehr der Herzen«: Johann Baptist Metz - hier fotografiert während einer Vorlesung - ist gerade neunzig Jahre alt geworden. (Foto: KNA)

Die Hände, oft geöffnet zum Himmel erhoben, die Augen für Sekunden geschlossen, dann diese markante, die bayerische Herkunft nicht verleugnende Stimme: Wenn Johann Baptist Metz seine Vorlesungen hielt, herrschte gespannte Stille im Hörsaal. Immer musste man mit Überraschungen rechnen, mit einem neuen Gedanken, einem Satz, der die aktuelle gesellschaftliche Debatte traf. Diese atemlose Stille: Kaum anders wäre es denkbar gewesen, Metz zu folgen. Seine Theologie trug er in komplexen Sätzen vor, prägte neue Vokabeln ein, setzte voraus, dass seine Studierenden beständig lasen und dachten, innovativ und mutig sein wollten. Wer hätte es da gewagt, unkonzentriert zu sein?

Über drei Jahrzehnte lehrte Metz Fundamentaltheologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität. Aus dem oberpfälzischen Auerbach stammend, fand er in Münster seine zweite Heimat; der Stadt ist er bis heute treu. In seiner Zeit als Lehrstuhlinhaber wurde er ein berühmter Mann. Bahnbrechend: seine »Theologie nach Auschwitz«, die Grenzen sprengte. Die Grenze des Konfessionellen, die Grenze des akademisch-theologischen Diskurses, die Grenze zu anderen Denkerinnen und Denkern, die sich mit ihm der Frage stellten: Wie konnte Gott den Holocaust zulassen? Und wie können wir Menschen nach dieser schier unfassbaren Verhöhnung des Humanen einfach weitermachen mit einem, der »alles so herrlich regieret«?

Genau jenen Gott, den ein altes Kirchenlied besingt, hatten Kirchen und Theologen über Jahrhunderte gepriesen. Nach Auschwitz war das unmöglich geworden, befand Metz. Und mit ihm taten es andere: Dorothee Sölle, Jürgen Moltmann, Fulbert Steffensky und einige mehr wurden Weggefährten. »Es ist ›nach Auschwitz‹ für die christlichen Kirchen in Deutschland nicht nur die Frage, ob und wie sie ihre Schuld am Schweigen und Wegsehen von der größten Judenverfolgung und -ermordung aller Zeiten bekennen, sondern wie sie wieder in die Realpräsenz Christi kommen und wahr werden«, schreibt Moltmann 1998 in einem Sammelband über »Christologie nach Auschwitz«. Am Jahr der Veröffentlichung sieht man: Die Frage wurde über Jahrzehnte nicht vollends beantwortet; im Grunde ist sie bis heute offen.

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Metz prägte eine radikale Wende des Denkens, die das Christsein vom Kopf auf die Füße stellte: »Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.« Auf diesem Satz baute er seine »Compassion«-Theologie auf: Gott ist darin kein mächtiger Macher, der die Menschen lenkt, sondern ein Mitleidender. Einer, der mit dem Opfern zusammen am Kreuz hängt und bis in die Gaskammern geht.

Mit »bürgerlicher Religion« hatte das alles, wie Metz richtig erkannte, nichts mehr zu tun. Ihn interessierte die Frage, wie ein Christ leben, wie er sich politisch verstehen könne, wenn da kein autoritärer Gott mehr sei. Kurz: Wenn der Mensch selbstverantwortlich würde. Seine Erkenntnis, die heute – in Zeiten globaler Fluchtbewegungen, grassierender Armut, massiven Klimawandels – wieder hochbrisant ist: »Wir brauchen in den reichen Ländern dieser Erde eine einschneidende Revision der Lebensprioritäten; wir brauchen, theologisch und politisch, eine Umkehr der Herzen.« Damit diese gelinge, setzte Metz auf die Kirchen: Sie sollten diesen Gedanken »energischer annehmen«, als sie es seinerzeit taten.

Ob sie es heute tun? Was Metz zur aktuellen politischen Lage zu sagen hat, dringt nicht mehr in die breite Öffentlichkeit. Der Neunzigjährige, der einst auch die Theologie der Befreiung in Lateinamerika inspirierte, lebt zurückgezogen in seiner Wahlheimatstadt. Er hat jedoch ein waches Auge auf Kirche und Politik, auf Gesellschaft und Christen. Regelmäßig besuchen ihn Weggefährten, ehemalige Studenten, Freunde. Sie nehmen wahr, dass er noch immer kritisch und kirchentreu zugleich ist. Dass er seinen alten Kontrahenten Joseph Ratzinger nicht vergessen hat. Und dass ein Satz, den Metz in den 1970er-Jahren für ein Dokument der Würzburger Synode schrieb, auch für diese Beziehung gilt: »Wir werden unsere intellektuellen Bezweifler eher überstehen als den sprachlosen Zweifel der Armen und Kleinen und ihre Erinnerungen an das Versagen der Kirche.«

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Heidrun Meding
19.08.201818:14
Der Theologe Johann Baptist Metz ging in seinen Gedanken und mit seinen theologischen Erkenntnissen scheinbar weit über das, was sich Katholizismus bezeichnet, hinaus.
Heute wissen wir, daß gerade die beiden Großkirchen in Deutschland, die Evangelische und die Katholische Kirche, eben keine klare Abgrenzung zum Nationalsozialismus betrieben und die NS-Bewegung in Teilen sogar noch aktiv unterstützt haben.
Der Vatikan schloss 1935 ein Konkordat (Kirchenvertrag) mit dem NS-Regime, weil Papst und hohe Geistliche (Römische Kurie) hofften, Deutschland könnte die damalige Sowjetunion militärisch in die Knie zwingen. Die Folge wäre gewesen, daß die Russisch-Orthodoxe Kirche wieder mit Rom verschmolzen worden wäre. So dachte offenbar auch Pius XII., der bekanntlich viele Jahre als päpstlicher Nuntius in Deutschland tätig war. Wirklich große Theologen, die ihre Kirche und die kirchlichen Machenschaften durchschauten, kehrten ihr den Rücken. Warum Metz dies nicht tat, bleibt sein Geheimnis
Hans Arnold
13.08.201819:11
Britta Baas, nehmen wir die Aussage als Poesie, dann kann ich damit leben.
„Wir Christen...“ , da klinke ich aus, weil gemäss meiner Definition ich nur Christ bin, wenn ich mein Dasein in steter dialektischer Manier mit der Jesuanischen Botschaft lebe, zu leben versuche. Christsein ist kein Status, sondern ein Prozess des Einzelnen auf seinem Weg. Man mag die Summe davon „Christenheit“ heissen, aber dieser Gesamtheit - also auch mir - eine Verantwortung für Fehlhaltungen wie Auschwitz zuzuordnen, weise ich für mich als Teil zurück.
Es wäre oft wünschenswert, auch in der Theologie, erst Schlüsselbegriffe zu definieren, etwas das jedem diskursiven Denken wohl bekommt.
Ich als theologischer Fussgänger möchte aber keinesfalls mich erdreisten Professor Metz irgendwie zu kritisieren. Ihr Artikel hat mich gehörig angeregt, über diesen polyvalenten Begriff „Christ“ wieder mal zu reflektieren, eine hervorragende Provokation dazu.
Britta Baas
13.08.201812:33
@Hans_Arnold, verstehe: Ein Christ ist ein Mensch, der aktiv und bewusst nachfolgt, die Taufe ist zwar ein Zeichen des Christlichen, hält den Getauften aber nicht auf immer im Status des Christen, sondern kann wirkungslos und bedeutungslos werden, wenn der Christ nicht christlich handelt. Das aber widerspricht ja dem von Ihnen inkriminierten Satz von Metz gar nicht, der da lautet: »Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.« Dieser Satz ist ja gerade eine Aufforderung zur Wahr-Machung der Taufe. Und eine Kritik an grauenvollem Handel von Menschen, die angeblich durch Taufe für immer Christen waren.
Hans Arnold
13.08.201812:14
Britta Baas, danke für Ihre Entgegnung.
Christsein lässt sich nur in der Form des NT definieren: „wer mein Jünger sein will, folge mir nach.“ Dazu gehört die Denkweise der Gleichzeitigkeit. Es verabschieden sich alle (beziehungsweise temporär) die in ihrem Tun diese Maxime negieren. So gesehen sind die Greuel von Auschwitz nicht Christen zuzuordnen, sondern solchen, die (temporär?) Nachfolge missachteten.
Die Kirche hingegen erklärt Getaufte zu Christen auf ewig, weil sie von der Erlösungstat Jesu „profitieren“. Total entgegen der Botschaft des NT: „der Weg ist steil... nur wenige...“ Soteriologie macht es möglich. So ist auch Hitler und Eichmann im Himmel, welch Immanenter möchte das widerlegen.
In der Soteriologie müsste ein Paradigmenwechsel erfolgen, viel Unlogisches würde sich klären ohne die Substanz der Offenbarungsschrift NT zu tangieren.
Das aber wird erst einsetzen, wenn das Ganze am Boden ist - so meine Einschätzung. Bis dann halt Soziologie - nicht das Schlechteste!
Britta Baas
13.08.201811:11
@Hans_Arnold, mir ist es ein Rätsel, was Sie genau anstößig finden. Weder subsumiert JBMetz alle unter dem Label "Christen", noch ist mir dann Ihre Folgeargumentation eingängig, in der Sie selbst auf jeden Fall den Begriff entgrenzen wollen. JBM geht es um die Schuldfrage, die sich aus Auschwitz ergibt. Es geht auch keinesfalls "nur", wie Sie sagen, um "die soziale Frage", sondern um eine radikale Anfrage an ein Gottesbild. Und dies nicht "nur" - was für ein Wort - aus sozialen Gründen, sondern aus Glaubensgründen. Hier ist die Theodizee-Frage im Zentrum.
Hans Arnold
12.08.201817:53
„Wir Christen“, an dieser Definition nehme ich Anstoss. Ich weiss, unter diesen Begriff werden einfach alle Getauften, neuerdings auch Ungetauften subsummiert, die sich nicht ausdrücklich einem andern Bekenntnis zuordnen.
Den Christen gibt es in dieser statischen Form gar nicht. Christsein ist allein der dynamischen „Nachfolge“ zuzuordnen. Nachfolge aber umfasst das gesamte Netz das wir aus dem NT kennen und darf nicht allein auf die soziale Komponente reduziert werden, wie das in der Befreiungstheologie aber auch heute wieder extrem geschieht. So gesehen gibt es nur situationsbezogenes „christliches“ Denken, Verhalten und Tun.
Aber Kirche will verwalten und dazu gehören fest beschriebene Kategorien mit denen sich das zu Verwaltende zuordnen lässt. Solches Denken verlangt auch einen beschreibbaren Gott, was unweigerlich das Theodizeeproblem generiert.
Egon Dammann
07.08.201811:43
Johann Baptist Metz feiert den 9o. Geburts-tag.Er macht die christliche Botschaft fest am unsäglichen Leid nach Auschwitz.Auch heute ringen seelisch zertstörte Menschen um Erbarmen.Metz sagt:"Christus bleibe Bruder aller unschuldig Leidenden!" Der Skandal der Kirche ist, dem Menschen die Würde zu entziehen für die Begegnung Jesu im Abendmahl.Ohne Liebe ist aller Gottestdienst Schall und Rauch.
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