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Die Königin der Seifenblasen – Kindern Corona erklären

vom 04.04.2020
von Ortwin Fritsche

Ein Stückchen Seife lag auf dem Rand eines Waschbeckens in einem Badezimmer einer schönen Wohnung mitten in der Großstadt. Es war noch glitschig, weil sich Paul gerade ordentlich die Hände gewaschen hatte. Händewaschen, so sagen alle, ist das wichtigste Mittel, um sich vor der Ansteckung mit dem gefährlichen Coronavirus zu schützen. Aber wie funktioniert das, fragte sich eine kleine Seifenblase, die auf dem Stück Seife verweilte? Sie fragte alle übrigen Seifenbläschen, aber keines konnte ihr so richtig antworten – bis auf eine, die letzte und größte, die sie fragte. »Weißt du es, Seifenblasenkönigin? Du musst das wissen, du bist doch die Klügste auf unserem Seifenstück!«

Und die Seifenblasenkönigin berichtete: »Corona ist sehr gefährlich. Ein Virus, das die Gesundheit eines jeden Menschen angreifen kann.« Das Virus setzt sich auf Türklinken, Geländer, Tische, Bänke, Bücher, Teller, Gläser – auf alles, was Menschen anfassen. Es ist auch auf Händen, Gesichtern und überall dort, wo es schwebend hingelangen kann. Wenn es in den Körper eines Menschen eindringt, kann es dort gesundheitliche Schäden verursachen.

»Wir müssen was tun!«, rief die Seifenblasenkönigin. Sie war ja nicht umsonst Seifenblasenkönigin geworden. Sie hatte Mut und war kräftig; lange nachdem sie durch Wasser, Seife und Hände erzeugt worden war, saß sie noch fest auf dem Seifenstück – länger als viele andere Seifenbläschen.

Sie hatte auch schon eine Idee:

Sie hatte gehört, dass das Virus Angst vor Seife hat. Und dass es sich nicht irgendwo daraufsetzen konnte, wo gerade mit Seife gereinigt worden war, denn wenn es mit Seife in Berührung kam, dann platzte es – ganz einfach. Sie hatte auch gehört, dass Händewaschen absolut tödlich für das Virus war, je länger, desto besser.

Diese Information verwandelte die clevere Seifenblasenkönigin in einen großen Plan. Sie wollte erreichen, dass alle Flächen, die von Menschen berührt werden konnten, mit winzig kleinen Seifenbläschen besetzt werden.

Die Frage war nur, wie?

Sie brauchte Hilfe, Verbündete, die bereit waren, diese Idee mit ihr zu realisieren. Gemeinsam ist man eben stärker.

Sie fragte das Feuer in der Gastherme neben dem Waschbecken. Aber das Feuer konnte nicht behilflich sein. Es saß fest in dem Gehäuse der Therme – zum Glück. »Es ist sehr gefährlich, wenn ich mein Thermengehäuse verlasse. Frag lieber mal deine Freundin, das Wasser.«

»Natürlich«, dachte die Seifenblasenkönigin, »das Wasser!« Das traf sie schließlich mehrmals am Tag. Und das Wasser sagte sofort zu, es ist für große Aktionen immer gern zu haben. »Wie kann ich dir denn helfen«, fragte das Wasser, »es nützt doch nichts, wenn ich dich nur nass mache?«

»Warte erst mal ab«, antwortete die Seifenblasenkönigin. »Ich werde noch ein bisschen weiter fragen, den Wind nämlich, und die Kinder, die sich gern die Hände waschen!«

Der Wind sagte natürlich sofort seine Hilfe zu, er war gerade durch das offene Fenster zu Besuch gekommen. »Jetzt fehlen noch die Kinderhände!«, merkte er an. Das wusste die Königin auch selbst, sie wartete ja schon auf Pauls nächsten Besuch. Als Paul dann vor dem Mittagessen zum Händewaschen ins Badezimmer kam, schwebte sie an sein Ohr und verriet ihm den Plan. Die ganze Stadt sollte in schimmernde Seifenblasen gekleidet werden, und alle Kinder müssten mithelfen. Nur so könnte das Virusmonster vertrieben werden. »Kein Problem«, rief Paul. »Natürlich helfe ich mit. Ich sage allen Bescheid, denn zusammen sind wir unschlagbar.«

»Jede Seifenblase zählt!«, rief die Seifenblasenkönigin. »Jetzt müssen wir nur noch alles gut organisieren.«

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Alle vier hockten nun zusammen und berieten sich. Das Wasser, der Wind, Paul und die Seifenblasenkönigin. Es sollte eine riesengroße Aktion werden:

Alle Flächen, die je von Menschen berührt werden konnten, sollten eingeseift werden. Viele Millionen Seifenbläschen sollten erzeugt und nach draußen getragen werden, um sich überall dort niederzulassen, wo die Menschen mit dem Virus in Kontakt kommen könnten. Wer was übernimmt, war klar. Und nur Hand in Hand kann es funktionieren, denn so viele Seifenblasen zu erzeugen war natürlich kein einfaches Unterfangen.

Nach kurzer Zeit verkündete die Seifenblasenkönigin den magischen Plan:

Alle Seifenstückchen in allen Badezimmern sollten zur gleichen Zeit in die Waschbecken rutschen und alle Wasserhähne der Waschbecken mussten sich gleichzeitig öffnen. Und wie sollte das geschehen? Ganz klar, mithilfe der Kinder. Die würden dann so fleißig ihre Hände waschen, dass ganz viel Schaum und Blasen entstehen. Dann sollte der Wind den Rest erledigen.

»Wir sind bereit«, rief Paul, der bereits allen Kindern in der Stadt Bescheid gesagt hatte. Und zu exakt der gleichen Zeit wuschen sich alle Kinder die Hände, dass es nur so schäumte. Manche von ihnen ließen gleich zwei oder drei Seifenstücke verschwinden! So etwas erlebt man nicht alle Tage. Sie erzeugten so viel Seifenschaum, dass er sich in manchen Badezimmern schon staute.

Jetzt war der Wind an der Reihe: Er blies kräftig in die Wohnungen, und Seifenschaum und Seifenblasen wurden durch die Badezimmerfenster, Abluftschächte und Badbelüftungen, sogar durch Schornsteine, Wohnzimmerfenster und Mauerspalten nach draußen getragen.

Überall aus den Häusern sah man Millionen von Seifenbläschen herausfliegen. Es bildeten sich dichte Seifenwolken, und die Seifenblasenkönigin schob sie auf Plätze, in Häuser und Parks, auf Spielplätze, in Stadien, Theater, Treppenhäuser, Kaufhäuser, Straßenbahnen, Busse – überallhin, wo Menschen etwas anfassen können. Geländer, Bänke, Fahrräder und tausend andere Dinge! Wenn sich die Seifenbläschen absetzten, gaben sie dem Virus keine Chance, sich an der gleichen Stelle niederzulassen. Und versuchte das Virus es trotzdem, konnte man ein leises »Plopp« hören, und schon war es geplatzt. Plopp, Plopp, Plopp, Plopp … in der ganzen Stadt konnte man es hören, wenn man leise war. Das freute die Seifenblasenkönigin, denn nun hatte das Virus nirgendwo mehr einen Platz.

Bevor die Erwachsenen bemerkten, was in ihren Badezimmern und auf den Straßen passierte, waren die Seifen erst mal verbraucht und die Wasserhähne von den Kindern wieder abgestellt. Die riesige Wolke von Seifenbläschen hatte geholfen, das Virus abzubremsen und viele Kinder und Erwachsene vor Ansteckung zu bewahren. Was für ein Glück!

Die Seifenblasenkönigin hatte viel zu tun gehabt und war sehr froh über die Hilfe von Paul und all den anderen Kindern, vom Wind und vom Wasser. Als sie sich am Abend selbst auf einem Geländer zur Ruhe setzte, wusste sie, das Virus war an diesem Tag gut abgewehrt worden. Und sie dachte: Wenn die Kinder sich weiter so fleißig und schaumig die Hände waschen, dann hat das miese Ding wirklich keine Chance mehr.

Ortwin Fritsche lag selbst mit einer schweren Coronainfektion im Krankenhaus. In einem Gespräch überlegte er mit seinem Arzt, wie man Kindern am besten das Coronavirus erklären könnte. Noch im Krankenhaus schrieb Ortwin Fritsche »Die Seifenblasenkönigin«. Seine Tochter ist Künstlerin in Berlin und malte für ihren Vater das Bild zur Geschichte.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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