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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Nachgefragt
Zu Hause nur Deutsch sprechen?

von Eva-Maria Lerch vom 19.12.2014
Die Kinder- und Jugendtherapeutin Christiane Winter-Heider warnt vor Entwurzelung von Migrantenkindern

Publik-Forum: Frau Winter-Heider, welche Rolle spielt die Sprache in der Entwicklung von Kindern?

Christiane Winter-Heider: Sprache prägt unsere frühesten Empfindungen vom Mutterleib an. Fast jede Interaktion von Eltern und Kind ist sprachlich vermittelt: Wenn Babys gewickelt, gebadet oder getröstet werden, geht das fast immer mit sprachlichen Äußerungen einher. Auch wenn das Kind noch nichts versteht, hört es die Sprachmelodie, den Fluss und Rhythmus und nimmt das als körperliche Erfahrung wahr. Deshalb ist Sprache existenziell und tief in unser Empfinden eingebettet.

Was bedeutet das für Migrantenkinder?

Winter-Heider: Solange Zuwanderer mit ihren Kindern in der gewohnten Sprache reden, ist eine gute und normale Kommunikation möglich. Doch wenn sie sich zwingen oder gezwungen werden, im Gespräch mit dem Kind eine Fremdsprache zu verwenden, wird der natürliche Fluss der Gefühle unterbrochen. Eine Mutter, die erst im Wörterbuch oder Handy nachschauen muss, kommt schwer in Kontakt, wirkt fremd und unsicher. Dadurch kann die Bindung gestört und die emotionale Entwicklung behindert werden.

Vor Kurzem hat die CSU in einem Leitantrag gefordert, dass Migrantenfamilien in Deutschland auch zu Hause ausschließlich Deutsch sprechen sollen. Diese Forderung wurde heftig diskutiert und inzwischen zurückgenommen. Wie stehen Sie als Expertin zu der Forderung?

Winter-Heider: Ich kann das gar nicht verstehen. Alle Forschungen in der medizinischen Soziologie haben längst erwiesen, dass Einwanderer, die ihre Sprache und Kultur zu früh ablegen, gesundheitlich gefährdet sind. Entwurzelung macht krank und überträgt sich auch auf die Kinder.

Bei der Diskussion über die CSU-Forderung spielten psychologische Aspekte gar keine Rolle. Brauchen Politiker da Nachhilfe?

Winter-Heider: Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Bildungsdiskussion wird Sprache fast ausschließlich auf der kognitiven Ebene diskutiert. Man betrachtet sie als Vokabelsystem, das mit dem Kopf erlernt werden muss. Dabei vermittelt sich Sprache zuallererst über Affekte. Im Grunde wissen das auch die meisten: Sonst würden sie ihre Kinder nicht zur Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse ins Ausland schicken.

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