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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Spiritprotokoll
Mit offenen Händen

von Gunhild Seyfert vom 19.12.2014
Sitzen und schweigen und auf Gott warten: Das ist nicht leicht, merkt unsere Autorin. Auch nicht im Advent

Wie soll ich dich empfangen? Und wie begegne ich dir?« Das Getriebe, in dem ich alltäglich laufe, lässt mir kaum Zeit und Raum, mich zu besinnen. Auch dann, wenn Besinnung verordnet wird, an Fest- und Feiertagen, ist es oft dröhnend laut in mir.

Da sind Bilder und Vorstellungen: Gott ist mit mir, Gott ist um mich. Aber wie kann ich das spüren? Wie kann ich in Berührung kommen mit Ihm, der mir das Leben geschenkt hat? Mit Ihr, der Quelle allen Lebens?

Ich möchte mir Zeit nehmen und versuchen, einfach zu werden und bereit.

Sitzen und atmen und den Atem geschehen zu lassen. Sonst nichts. Dafür möchte ich mich öffnen. Jetzt.

Schweigen und achtsam wahrnehmen, was jetzt ist und wie ich selbst bin. Da melden sich die vielen Dinge zu Wort, die ich sonst nicht wahrgenommen oder überhört habe. Satzfetzen klingen nach in meinen Ohren von vergangenen Gesprächen und Diskussionen. Szenen und Bilder schwirren mir durch den Kopf von dem, was war an diesem Tag.

Manchmal steigen Ängste auf. Von der Straße höre ich Verkehrslärm. Wie kann man da still werden – nicht nur äußerlich, sondern inwendig?

Nicht müde werden. Die Hände halte ich offen und versuche, gegenwärtig zu sein im Augenblick. Da spüre ich die Schmerzen, die ich im Alltag meist verdränge. Ich bleibe sitzen. Das ist nicht leicht. Aber ich weiß: Du bist nicht fern. Du bist immer schon da. Es genügt, die vielen wirren Stimmen zum Schweigen zu bringen und in der Stille mein Herz zu öffnen.

Ich atme ein und richte mich auf. In meinem Atem das Leben in seiner Fülle. Ich lasse es zu. Ausatmend entspanne ich mich. Alles loslassen. In der Atempause kurz vor dem nächsten Einatmen ist – scheinbar nichts. Da ist Stille. Im Atemfluss ist Kraft und Gelassenheit und Stille. Wir leben im Rhythmus des Atems. Gott ist mit mir und in mir in jedem Atemzug. Du, Atem in allem Atem.

»In der Stille und in der Ruhe … spricht Gott in die Seele und spricht sich ganz in die Seele. Dort gebiert der Vater seinen Sohn.« So predigte der Dominikanermönch Meister Eckhart im Hochmittelalter zu den Nonnen seines Ordens. Die klugen Frauen schrieben seine Predigten auf und überlieferten sie so der Nachwelt. Meister Eckhart sprach klar, bildhaft und schön. Seine Einsichten und Ansichten provozierten schon damals, sie tun es heute noch.

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