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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2013
Da sein, wo die Wunden der Welt sind
Der Inhalt:

Sechs Wochen Fegefeuer

vom 20.12.2013
Das Herzensgebet zu lernen ist einfach – aber nicht leicht. Ein Selbstversuch

So also sieht der Herbst aus: Auf den kahlen Zweigen glänzt Nässe. Ich spüre die Feuchtigkeit im Gesicht. Und das Gegenlicht lässt die letzten Blätter aufleuchten wie – ja, wie was eigentlich? So schnell die Erfahrung aufblitzt, so schnell ist sie vorbei, und ich ertappe mich wieder beim Denken. Ich will diesen Anblick beschreiben, um ihn festzuhalten. Dabei sollen wir doch einfach nur wahrnehmen, hat unsere Lehrerin gesagt. In die Natur hinausgehen und schauen, lauschen und spüren, was ist, ohne es innerlich zu kommentieren und zu bewerten.

Wir: Das ist eine kleine Gruppe von Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet, die in Frankfurt »Exerzitien im Alltag« machen. Sechs Wochen lang wollen wir das sogenannte Herzens- oder Jesusgebet lernen. Einmal in der Woche treffen wir uns in Heilig Kreuz, dem Meditationszentrum des Bistums Limburg, um gemeinsam unter Anleitung zu üben; an den anderen Tagen üben wir allein.

Der Gang in die Natur ist unsere erste Aufgabe. In den darauffolgenden Wochen üben wir im Sitzen: Wir versuchen, unseren Körper wahrzunehmen. Unseren Atem. Unsere Hände. Später sprechen wir dabei innerlich »Jesus« beim Ausatmen, »Christus« beim Einatmen. Und immer geht es darum, mit der Aufmerksamkeit in der Gegenwart zu bleiben: »Hellwach und interessiert wahrzunehmen, was von der Gegenwart auf uns zukommt.« So hat es der Jesuit Franz Jalics formuliert, der diese uralte Form des Gebets neu bekannt gemacht hat.

Warum ist die Wahrnehmung so wichtig? Weil wir Gott nur in der Gegenwart begegnen können, sagt Schwester Kristina, unsere Kursleiterin. Solange wir grübeln, im Geist Pläne schmieden, unseren Erinnerungen nachhängen oder uns in Tagträumen verlieren, sind wir weder offen für Gott noch für unsere Mitmenschen.

Theoretisch ist das einleuchtend. Praktisch ist es – über weite Strecken – eine Qual. Das fängt schon beim Sitzen auf dem Kissen oder dem Hocker an: Körper und Geist rebellieren gegen die selbst auferlegte Untätigkeit. Der Rücken schmerzt. Die Beine schlafen ein. Irgendwo juckt es. Hat der Nacken eigentlich schon immer so wehgetan? Und seit wann ist da dieser Knoten im Bauch? Dazu kommt das unaufhörliche Geplapper im Kopf. Dieses Rauschen der Gedanken, das sich so gar nicht herunterdimmen lassen will.

Schwester Kristina hört sich unsere Klagen geduldig an. »Das ist inter

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