Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2012
Jesu Geburt: Die Würde der Ohnmächtigen
Der Inhalt:

Im Fluss des Lebens

vom 21.12.2012
Etwas endet, etwas Neues beginnt: Geschichten von Übergängen und über das, was sie kennzeichnet und reizvoll machtVon Birgit-Sara Fabianek

In der längsten Nacht des Jahres, zur Wintersonnenwende, beginnen die Raunächte. Eine sagenumwobene und geheimnisvolle Zeit, die über Weihnachten und Silvester bis zum Dreikönigstag reicht. Und eine raue: Der Name geht zurück auf die wilden und zotteligen Gestalten, die in diesen Nächten ihr Unwesen treiben. »Ruh« bedeutet im Althochdeutschen ungezähmt, grob und haarig. Bei den Kelten und Germanen waren die Raunächte eine spirituelle Auszeit, in der Altes und Neues, Dunkel und Licht, Feiern und Innehalten zusammenflossen. In Österreich und der Schweiz gibt es bis heute den Brauch des Perchtenlaufs. Die Percht ist eine Windgöttin, sie kommt und geht, wie sie will. Den Sturm reitet sie, der an Dachpfannen rüttelt und morsche Türen bewegt. Sie achtet darauf, dass alles in einer Ordnung ist, die sie bestimmt, und ihre Ordnung ist das Chaos. Erst nach den Raunächten war einst der Übergang ins neue Jahr vollendet.

Viele werden zum Jahreswechsel an Silvester wieder viel Lärm und Radau veranstalten, auch wenn ihnen nicht bewusst ist, dass sie damit uralte Traditionen fortsetzen. Rituale und Zeremonien, die einen Übergang kennzeichnen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Verloren gegangen ist jedoch die Wertschätzung für dieses Loch in der Kontinuität. Wenn ein Jahr oder ein Abschnitt unseres Lebens zu Ende ist, gehen wir in der Regel so schnell wie möglich zur Tagesordnung über: Was vorbei ist, ist vorbei! Was kommt als Nächstes?

»Die meisten Menschen verweigern nicht die Veränderung, die meisten verweigern den Übergang«, schreibt der britische Autor William Bridges in seinem Klassiker Transitions. Making Sense of Life’s Changes. In Wechselzeiten, so Bridges, verhalten wir uns wie ein Fußgänger, der eine vielbefahrene Straße überqueren will. Sobald er eine Lücke zwischen den vorbeifahrenden Autos sieht, prescht er los und läuft so schnell wie möglich auf die andere Seite. Was vernünftig ist. Würde er nach jedem Schritt stehen bleiben, sich umsehen und darüber nachsinnen, ob die Richtung noch stimmt, brächte er sich in Lebensgefahr. Doch was für Straßenüberquerungen als Risiko gilt, ist für Lebensübergänge notwendig: innezuhalten.

Ganz gleich, ob der äußere Wechsel erwartet ist, wie der Berufseinstieg oder der Beginn des Ruhestandes, oder unerwartet hereinbricht, wie der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine schwere Krankheit: Wir brauchen Zei

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen