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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2010
Macht und Menschlichkeit
Eine Weihnachtsbotschaft
Der Inhalt:

Tod, mit drei Buchstaben

von Susanne Stiefel vom 17.12.2010
Die Krankheit ALS raubt sein Leben. Mit schwarzem Humor und Gedichten erträgt Christian Sighisorean das Unerträgliche

Als Kind befürchtete ich, jeder Mensch habe nur eine begrenzte Anzahl von Wörtern, die er im Leben verwenden kann. Ich war deshalb immer sparsam beim Reden, geradezu wortkarg. Ich wollte meinen Vorrat nicht so schnell aufbrauchen, damit ich nicht plötzlich stumm dastehe. Nun hat mir die Krankheit, die mir seit vier Jahren Stück für Stück mein Leben raubt, ausgerechnet die Sprache genommen. Ist das nicht brüllend komisch?

Mit dem kleinen Finger fing es an, nun sitze ich im Rollstuhl, kann mich nicht mehr bewegen, atme schwer, bin verstummt. Ich kann nur noch mit dem Computer und mit Augensteuerung kommunizieren. Das ist anstrengend und dauert. So sind die Wörter, die mir immer viel bedeutet haben, etwas Kostbares und Teures, weil ungeheuer Mühevolles geworden. Vielleicht habe ich deshalb angefangen, Gedichte zu schreiben. Zum Beispiel dieses hier: »das Schönste / an der Diagnose / Amyotrophe Lateralsklerose / kommt zum Schluss: /die Rose.«

Ja, ich habe die Krankheit, die der Maler Jörg Immendorff bekannt gemacht hat. ALS, drei Buchstaben nur, so viele wie der Tod. Seit einem Jahr lebe ich in diesem freundlichen Zimmer im Hospiz, meine Frau und meine zwei kleinen Kinder, die Familie und die Freunde konnten mich nicht mehr versorgen. Und trotzdem gibt es gute Tage. Einen schönen Wintertag wie den heute, wenn die Sonne den Schnee zum Leuchten bringt und das Leben hell macht.

Und ich freue mich, wenn ich meine Kinder sehe, Eva und Julia, sie sind jetzt zehn und acht Jahre alt. Jeden Mittwoch besuchen sie mich nach der Schule. Sie essen hier und machen ihre Hausaufgaben im Hospiz. Das bedeutet mir viel. Das habe ich auch aufgeschrieben, in einem Gedicht, es ist ein Dialog mit meiner Tochter Eva, als ich noch sprechen konnte, aber schon im Rollstuhl saß. Hier sind ein paar Zeilen davon: »Papa, wirst du nie wieder gehen?/ Nein, ich kann mein Gleichgewicht nicht mehr halten./ Nie, nie wieder?/ Nie wieder./Aber Papa, das ist doch ganz einfach, ich zeige es dir, erst mit einem Fuß einen Schritt, dann mit dem anderen, das ist doch babyig.«

Was mir Humor bedeutet? Viel. Sehr viel sogar. Humor hilft in schweren Zeiten. Ich bin in Herrmannstadt in Rumänien geboren und erst im Jahr 1989 mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen, da war ich 21 Jahre alt. In Rumänien half nur Humor, nur so konnte man die Trostlosigkeit überleben. Ich kenne immer noch zig

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