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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2019
Mach mich unsterblich!
Der Plan von der Erschaffung des perfekten Menschen
Der Inhalt:

»Unter Zeitdruck«

von Julia Lauer vom 06.12.2019
Sozialprotokoll: Andreas Sievers* (43) ist Paketzusteller: 180 Pakete liefert er am Tag aus – treppauf, treppab. Ein Knochenjob

Seit 23 Jahren arbeite ich als Paketzusteller. Aber nicht durchgehend, zwischendurch habe ich studiert. Jetzt bin ich 43. Es ist ein cooler Job, ich mag die Mobilität und habe viel Bewegung. Es gefällt mir, eine männliche Arbeit zu haben, und körperlich bin ich gerne in Form. Positiv ist auch, dass ich mich bei der Arbeit unbeobachtet fühle. Die meiste Zeit des Tages bin ich allein, muss ich mich nicht ein- und unterordnen.

Oft sind es Zehnstundentage, abends bin ich k.o. und lege nur noch die Füße hoch. Häufig bin ich zufrieden, die Tour geschafft zu haben, wahrscheinlich ist das eine Art Läuferhoch. An anderen Tagen beklage ich, dass es ein Knochenjob ist. Meine Arbeit ist monoton und anstrengend, sowohl emotional als auch körperlich. Ich kann mir andererseits aber kaum vorstellen, im Büro acht Stunden vorm Rechner zu sitzen.

Einblicke in Villen und in Messie-Wohnungen

Als Paketzusteller bekomme ich viel mit. Ein Philosoph hat gesagt: »Glücklich sind die Neugierigen.« Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass es Tierärzte gibt, die auch Hunde frisieren. Ich habe Villen gesehen, die neunzig Prozent der Menschheit nie zu Gesicht bekommen. Ein elektrisches Tor geht auf, vorm Anwesen liegt ein Park, und ein Maybach steht in der Garage. Es gibt aber auch Häuser, da hält man lieber die Luft an, bevor man sie betritt. Manchmal öffnen einem auch Alkoholiker. Oft sind das Menschen mit einem lieben Gemüt. Nicht sonderlich neugierig bin ich, was den Inhalt der Pakete betrifft. Ich habe aber schon darüber nachgedacht, dass ich bestimmt schon Kinderpornografie zugestellt habe. Ausschließen kann ich das nicht. Ganz generell finde ich, dass die Leute zu viel bestellen. Manchmal bringe ich ein Paket, und der Empfänger gibt mir drei Päckchen mit zurück. Dabei hat es sich doch herumgesprochen, dass die Retouren zum Teil vernichtet werden.

Was mich betrifft, wäre ich froh, mein Stundensatz wäre zwei Euro höher, aber bei anderen Zustelldiensten ist die Bezahlung schlechter. Mein Arbeitgeber, DHL, zahlt Neueinsteigern in meinem Gebiet 13,88 Euro brutto die Stunde. Mein Verdienst ist nicht wesentlich höher. Das liegt daran, dass ich viele Jahre lang nicht festangestellt war. Manchmal geben die Leute mir ein Trinkgeld, aber nur die alten, die jungen machen das nicht mehr. Ich freue mich dann, es ist ein Zeichen dafür, dass mei

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