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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2013
Vertrauen, verändern, genießen
Margot Käßmann über die Zukunft der Christen
Der Inhalt:

Hüter des Paradieses

von Claudia Mende vom 06.12.2013
Arno Stern belehrt nicht und therapiert nicht. Aber in seinem »Malort« in Paris werden Menschen heil

Erst Weiß, dann Blau. Dann die Grüntöne und Gelb. Ganz am Ende stehen alle Schattierungen von Rot. Das ist die richtige Reihenfolge, seit mehr als sechzig Jahren. Die Farben auf dem alten Palettentisch in der Raummitte sind immer gleich angeordnet. Neben jeder Farbe liegen die passenden Pinsel. Wenn ein Kind zum Malen kommt, holt es sich ein leeres Blatt Papier. Das Blatt kommt an die Wand. Zwei Reißnägel oben, zwei unten. Arno Stern befestigt immer die beiden oberen, das Kind die unteren Reißnägel.

Kein Kind würde auf die Idee kommen, den roten Pinsel in die blaue Farbe zu tunken oder sich beim Malen auf dem Boden auszubreiten. Nie. In einer Welt, die sich rasant verändert, malen Kinder hier seit Jahrzehnten nach den gleichen Spielregeln. Ihre Farbreste an der Wand haben sich zu einer bunten Tapete zusammengefügt, einem abstrakten Gemälde von Hunderten Kinderhänden.

Arno Stern rückt die Pinsel zurecht und zeigt, wo die Reißzwecke liegen müssen. Er ist der Vater und die Seele des Malorts in einem Hinterhof mitten im 15. Bezirk von Paris. Kinder ab zwei Jahren und Menschen jeden Alters kommen in diesen zeitlosen Raum, um ihre Kreativität auszuleben. Ohne Belehrung, ohne Bewertung. Es geht weder um Talent noch um Therapie. Was zählt, ist das Erleben, nicht das Endprodukt. Es ist ein Spiel und gleichzeitig eine ernsthafte Sache.

»Das Spiel ist etwas Lebenswichtiges«, sagt Stern. »Kinder sollten nur spielen dürfen.« Nächstes Jahr wird er neunzig Jahre alt. Ein Mann mit aufrechtem Gang, scharfen Gesichtszügen und enormer geistiger Präsenz, der locker als Mitte siebzig durchgehen könnte. Er kommt hierher, damit andere erfahren, was Freiheit bedeutet.

Ohne seine Lebensgeschichte lässt sich der Malort nicht verstehen. Arno Stern wurde 1924 in Kassel geboren. Seine Eltern waren Juden, als Fabrikanten gehörten sie zum Bürgertum. 1933 entschied Vater Isidor, mit seiner Frau und dem damals neunjährigen Arno nach Frankreich zu fliehen. Als Einziger einer großen Familie schätzte Isidor Stern die Bedrohung durch die Nazis richtig ein. Alle andern Familienangehörigen wurden in Auschwitz ermordet.

Die drei Sterns lebten ständig auf der Flucht. Erst 1942 gelang es ihnen, sich in die sichere Schweiz zu retten. Dort verbrachten sie drei Jahre bis Kriegsende in einem Arbeitslager. »Ich stand da mit leeren Händen. Ich hatte alles ve

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