Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

Halb England steht kopf

von Paul Oestreicher vom 07.12.2012
Weil die anglikanische Kirche keine Bischöfinnen zulassen will, ist jetzt eine Debatte über das Kirche-Staat-Verhältnis entbrannt

Die englische Reformation hatte keinen Luther, keinen Calvin, sondern einen König. Heinrich VIII. Der trennte die katholische Kirche des Landes vom Papsttum. Doch es gab kein anglikanisches Bekenntnis. Die Strukturen blieben katholisch. Die Liturgie, nun in der Muttersprache, behielt alte Formen, war aber weitgehend vom Calvinismus beeinflusst. Die Kirche war noch katholisch, aber zugleich reformiert. Die innere Spannung zwischen den beiden Richtungen besteht bis heute. Das Einigende ist das unveränderte Bischofsamt. Es definiert die Kirche.

Daneben steht die weltliche Macht, die Krone. Bis heute ist die Queen »Oberhaupt« der Church of England wie auch des Staates, obwohl sie alle Macht an die Generalsynode und das Parlament abgegeben hat. Sie ist eine Symbolfigur. Symbole spielen in der britischen Kultur eine wichtige, aber undefinierbare Rolle. Großbritannien hat keine geschriebene Verfassung. Die Kirche auch nicht. Sie kann keinen Vertrag – wie in Deutschland – mit dem Staat schließen, sie ist Teil des Staates. Wesentliche Entscheidungen der Generalsynode werden vom Parlament ratifiziert, bisher eher nebenbei.

Doch plötzlich ist es nicht mehr so. Denn die Generalsynode hat sich geweigert, das Bischofsamt für Frauen zu öffnen – und das zur allgemeinen Empörung, von links bis rechts. Und auch zu meiner eigenen. Ich litt zunächst unter einem großen Schock und überlegte mir ernsthaft, meine Zulassung zur Ausübung des Pfarramtes niederzulegen – als Zeichen der Solidarität. Nach Rücksprache mit denen, die ähnlich empfanden, schien es klüger zu sein, weiter für die Kirche zu kämpfen. Denn der liberale Guardian schrieb: »Heute hat die Kirche Selbstmord begangen.« Die konservative Times erklärte gar, es sei an der Zeit, das Staatskirchentum zu beenden.

Wie war diese Synodal-Entscheidung möglich? Frauen im Priesteramt spielen inzwischen eine große Rolle. Mehr Frauen als Männer werden Jahr für Jahr ordiniert. Die Mehrzahl in den Gemeinden wünscht sich Bischöfinnen. Nur 2 der 44 Bistümer haben sich dagegen ausgesprochen. Woher also dieses absurde Wahlergebnis? Es gibt zwei Gründe. Der erste ist die hohe Hürde. Die Synode stimmt in drei Kammern ab: Bischöfe, Pfarrer, Laien. Jede Kammer muss eine Zweidrittemehrheit erreichen, um ein Gesetz durchzubringen. Es genügt also ein Drittel der Stimmen in einer Kammer, um ein Gesetz zu kippen. 44 Bischöfe stimmten mit Ja, drei mit

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen