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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

Der Politjunkie und die Stille

von Eva-Maria Lerch vom 07.12.2012
Ulrich Kasparick gehörte zur Bundesregierung. Er war süchtig nach Politik. Dann begann er zu meditieren – und ein neues Leben in der Uckermark

Ulrich Kasparick kommt auf weißen Schafwollschuhen die Treppe hinunter. Ein schmaler, jungenhafter Mann mit offenem Blick und festem Händedruck. Er trägt Jeans und einen grauen Pullover, der sein Lieblingsstück sein muss, weil er schon Tausende von Umdrehungen in der Waschmaschine hinter sich hat und an Ärmeln und Schultern mit Leder verstärkt ist. »Grüner Tee?«, fragt Kasparick.

Während er in der Küche verschwindet, lässt er ein wenig Ratlosigkeit zurück. Merkwürdig, sich diesen Mann als den Spitzenpolitiker vorzustellen, der er bis vor drei Jahren gewesen ist. Wie er im Ministerium auf dem Chefsessel sitzt, in Anzug, Krawatte und mit glänzend geputzten Schuhen. Wie er zu seiner Dienstlimousine eilt, den Aktenkoffer hineinwirft und den Chauffeur zum Kanzleramt dirigiert. »Morgens um sieben stand der Fahrer vor der Tür«, erzählt der 55-Jährige von seiner Zeit als Parlamentarischer Staatssekretär. »Da war der schon im Ministerium gewesen und hatte sich meine Termine für den ganzen Tag ausdrucken lassen. Dann fragte ich: Wo müssen wir heute hin?«

Ulrich Kasparick ist zwanzig Jahre lang in der SPD Berufspolitiker gewesen. Während der rot-grünen Bundesregierung arbeitete er als Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Forschung und Bildung. In der Großen Koalition unter Angela Merkel war er ebenfalls Staatssekretär, diesmal im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. »Pro Tag hatte ich dann meist ein Dutzend Termine zu absolvieren«, erinnert er sich. »Und wenn ich spät am Abend nach Hause kam, konnte ich mich manchmal nicht mehr erinnern, wo ich am Morgen gewesen war.« Er setzt sich in den Rattansessel, trinkt einen Schluck von dem grünen Tee und sagt: »Ich war völlig getrieben und fremdbestimmt.«

Kasparick gehörte zu den jungen evangelischen Theologen aus Ostdeutschland, die mit Kerzen, Protesten und Montagsgebeten den Fall der Mauer bewirkten und dann wie zwangsläufig in die Politik gespült wurden. Als ehemaliger Jugendpfarrer von Jena baute er nach der Wende die Friedrich-Ebert-Stiftung in den neuen Ländern auf. 1998 gewann er als Direktkandidat der SPD den Wahlkreis Magdeburg, wurde forschungspolitischer Sprecher seiner Fraktion und stieg schließlich zum Staatssekretär auf. Er kämpfte für die Ansiedlung von Forschungsinstituten in Ostdeutschland, »kannte

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