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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2014
Bildung statt Bologna!
Was die europäische Studienreform angerichtet hat
Der Inhalt:

Riese mit Rückgrat

Einst desertierte Ludwig Baumann aus der Nazi-Armee. Seither kämpft der inzwischen 92-Jährige gegen Urteile der NS-Justiz – und für den Frieden

Die Lippe geplatzt, die Augen geschlossen. Aus einem Betonquader ragt ein Kopf mit Nato-Stahlhelm. So steht Deutschlands erstes Mahnmal für den »Unbekannten Deserteur« im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Bremen-Vegesack. Selbst neben der nur 1,20 Meter hohen Stele sieht Ludwig Baumann schmächtig aus. Doch innerlich ist der heute 92-Jährige zum Riesen gewachsen. Zum Riesen mit Rückgrat. Denn vor allem er war es, der über Jahrzehnte trotz massivster Anfeindungen für die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und »Kriegsverrätern« gekämpft hat. Mit Erfolg.

Mit anderen Soldaten desertierte der gebürtige Hamburger 1942 als Marinegefreiter in Bordeaux. Er wurde gefasst, gefoltert, verurteilt. Zehn Monate verbrachte Baumann in der Todeszelle. Dann wurde das Urteil nach Intervention seines einflussreichen Vaters in eine zwölfjährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Er kam ins Konzentrationslager, ins Wehrmachtsgefängnis Torgau und ins Strafbataillon – und überlebte.

»Auch im Nachkriegsdeutschland wurden wir als Feiglinge, Drecksäcke und Vaterlandsverräter beschimpft«, erinnert sich Baumann. »An die Wand damit oder Rübe ab war doch das einzig Richtige für solche Kreaturen ohne Charakter, Gewissen und Kameradschaft«, heißt es in einem Schreiben, das Baumann im März 1994 erreichte. Doch trotz Beleidigungen und unverhohlener Drohungen ließ er nicht locker.

Dabei fehlte Baumann zunächst auch die Kraft, den Kampf aufzunehmen. Denn aus dem Krieg kam er als gebrochener Mann, der das Erbe seines Vaters versoff und sich zunächst wenig um seine Kinder kümmerte. Erst als seine Frau 1966 bei der Geburt des letzten von sechs Kindern starb, übernahm e