Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2014
Bildung statt Bologna!
Was die europäische Studienreform angerichtet hat
Der Inhalt:

Das politische Herz

von Jürgen Moltmann vom 21.11.2014
Barmherzigkeit ist wichtig – doch es braucht auch die Solidarität. Das wussten bereits die ersten Christen

Vor mittelalterlichen Kirchen saßen viele Bettler, damit die frommen Kirchgänger die »guten Werke« der Barmherzigkeit an ihnen tun und sich selbst einen Schatz im Himmel sammeln konnten. Auch wenn moderne Menschen nicht mehr an den Himmel glauben, fühlen sie sich doch »gut«, wenn sie Barmherzigkeit oder »Wohltätigkeit«, wie es bei den Reichen heißt, üben können. Beide wissen nicht, wie erbärmlich sich Menschen fühlen, die auf gute Gaben angewiesen sind.

Vor evangelischen Kirchen sitzen seit der Reformation keine Bettler mehr. Sind evangelische Christen erbarmungslos und geizig? Nein, seit der Reformation hat das Diakonat der Gemeinde die Armenfürsorge und die Krankenpflege übernommen und damit den Weg der Gesellschaft in den Sozialstaat bereitet. Bismarcks Sozialgesetzgebung war am Diakonat der freien, niederländisch-reformierten Gemeinde in Elberfeld orientiert. Baron von der Heydt hatte die Übertragung von der Kirche auf den Staat vermittelt. Papst Franziskus hat dem Erbarmen mit den Armen Priorität in der katholischen Kirche eingeräumt. Das ist gut. Seine Vorstellung von der Barmherzigkeit mit den Armen geht auf die »preferential option for the poor« der lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellin 1968 zurück. Diese »bevorzugte Option für die Armen« ist gut für Nicht-Arme, sie ist aber keine »Option der Armen«. Arme optieren nicht für die Armut, sondern für den Weg aus der Armut in das gute Leben.

Vor allem Pfingstkirchen in Lateinamerika zeigen den Armen, wie sie aus der Armut herauskommen. Das wird zwar als »Evangelium des Wohlstands« diffamiert, aber die Pfingstler gehen in die Favelas hinein, um dort Gemeinden zu gründen und Glauben zu wecken. Ich habe es in den Slums von Rio gesehen. Dafür ist die Achtung und Selbstachtung der Menschenwürde dieser Menschen der entscheidende Impuls.

Arme wollen nicht auf das angesprochen werden, was sie nicht haben, sondern auf das, was sie sind. Im Vergleich mit Reichen sind sie arm, aber in sich und unter sich sind sie es nicht; sie haben ihre eigenen Sprachen und Kulturen, Hoffnungen und Energien. Diese zu mobilisieren gilt zwar als protestantische Arbeitsethik, ist aber nicht das Schlechteste.

Vorbild der Barmherzigkeit ist der heilige Martin von Tours. Gewöhnlich sitzt er hoch zu Pferd und teilt seinen Mantel mit dem frierenden Bettler unter ihm. Das ist Erbarmen von oben nach unten. Eig

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen