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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2013
Konzerne im Klassenzimmer
Wie die Wirtschaft Einfluss auf die Schule nimmt
Der Inhalt:

Macht Religion menschlich?

von Britta Baas vom 22.11.2013
Woher wissen wir, was richtig ist? Über das Vertrauen in vernünftige Entscheidungen und die Angst vor Fundamentalisten. Fragen an die Theologen Mouhanad Khorchide und Joachim Valentin

Herr Khorchide, Ihr aktuelles Buch »Scharia – der missverstandene Gott« beginnen Sie mit der Erzählung von einer Begegnung am Flughafen von Casablanca. Die Leiterin der Passkontrolle verwickelt Sie in ein Gespräch, in dem sie sich als Muslima zu erkennen gibt, die die Regeln des Islams so genau wie möglich befolgt. Sie sagt: »Ich habe Angst vor Gott.« Was haben Sie ihr geantwortet?

Mouhanad Khorchide: Diese Begegnung fand im Mai statt. Ich hatte mein Buch eigentlich schon weitgehend fertig; die Begegnung war aber perfekt für die Einleitung. Denn sie bestätigte mich in dem, was ich in dem Buch geschrieben hatte. Ich habe der Frau also in etwa Folgendes gesagt: Wenn man sich Gott als Befehlshaber denkt, muss man immer Angst haben, es ihm nicht recht zu machen. Meine Vorstellung von der Beziehung zwischen Gott und Mensch ist eine andere. Sie ist dialogisch. So finde ich sie auch im Koran. Ich sehe da keinen restriktiven Gott, der verherrlicht werden will, sondern einen, der nach Mitliebenden sucht. Er schenkt Liebe und erwartet eine liebende Antwort. Weil viel zu viele Menschen aber ständig Angst vor Gottes Strafe haben, interpretieren sie auch die Scharia als Strafenkatalog. Dabei kann man sie auch ganz anders verstehen: als Weg zu Gott in einem dialogischen Sinne. Gott will keine Satisfaktion. Er ist dem Menschen zugetan.

Herr Valentin, in Deutschland hört man oft: »Der Islam muss die Aufklärung nachholen. Wenn das geschehen ist, muss man sich auch nicht mehr über solche Dinge wie die Scharia streiten.« Haben Christen eine aufgeklärte Religion, während Muslime sie nicht haben?

Joachim Valentin: Unter den aktuellen kirchenpolitischen Bedingungen, wie wir sie gerade im Bistum Limburg erleben, kann ich mir nicht verkneifen zu sagen: offenbar nicht. Man kann lernen: Aufklärung ist nie beendet. Sie muss von jedem Menschen immer wieder neu begonnen werden. Zwischen dem Islam und dem Christentum gibt es eine komplexe, 1300 Jahre alte Begegnungsgeschichte. Diese Geschichte hat Sinuskurven, die sich aufeinander zu und voneinander weg bewegen. Nach einem jahrhundertelangen Schlaf der islamischen Theologie – der Verstellung ursprünglichen Theologietreibens durch Rechtsschulen, durch Kolonialismus, durch politische Verhältnisse – ist der Islam jetzt im Kontakt mit den westlichen Kulturen herausgefordert, seine eigene Kultur so zu rekonstr

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