Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

»Kein erhobener Zeigefinger«

von Tilman Vogt vom 23.11.2012
Ende Oktober eröffnete das Weltethos-Institut eine Dependance in Peking. Fragen an den Geschäftsführer Stephan Schlensog

Herr Schlensog, wie konnten Sie die Chinesen überzeugen, ein Weltethos-Institut in Peking zu eröffnen?

Stephan Schlensog:Das geht natürlich nur, wenn man nicht mit erhobenem Zeigefinger kommt und so tut, als würde man jetzt erstmals Ethik ins Land bringen. Ganz im Gegenteil, man muss verdeutlichen, dass die Weltethos-Idee in der chinesischen Tradition – dem Konfuzianismus, dem Taoismus, aber auch dem Buddhismus – selbst verwurzelt ist. Und so ist es auch kein Wunder, dass sich unsere Kooperationspartner an der Universität Peking selbst schon seit Jahren mit Fragen globaler Ethik befassen.

An wen wendet sich das Institut in China?

Schlensog: Die primäre Zielgruppe des Instituts sind die akademische Welt und zukünftige Verantwortungsträger. Wir versuchen mit unseren Ideen natürlich auch, weiter in die Gesellschaft auszustrahlen, zum Beispiel durch den Dialog mit Vertretern der Wirtschaft, wobei das in China ungleich schwieriger ist als bei uns in Europa. Um den Elfenbeinturm zu verlassen, erhoffen wir uns auch sehr viel von einer Kooperation in Hongkong: Dort ist es erstmals gelungen, adaptierte Inhalte des Weltethos-Projektes im Schullehrplan zu verankern. Wenn es auf diese Weise gelänge, unsere Ideen vielleicht später auch in Peking und andernorts unter die breite Bevölkerung zu bringen, wäre das natürlich ein grandioser Erfolg.

Auf dem aktuellen Parteitag der KP Chinas wurde die Parole ausgegeben, das Pro-Kopf-Einkommen bis 2020 zu verdoppeln. Politik und Gesellschaft scheinen sich derzeit voll in Richtung Materialismus zu orientieren, geht das Projekt Weltethos da nicht ins Leere?

Schlensog:Natürlich lässt sich beobachten, dass gerade in der städtischen Mittelschicht eine extreme Orientierung auf materielle Werte vorherrscht. Dies ist die Begleiterscheinung einer atemberaubenden turbokapitalistischen Transformation, deren Ausgang derzeit noch völlig offen scheint. Die Gesellschaft befindet sich in einem umfassenden Suchprozess: Während die Wirtschaftsführer auf den Neoliberalismus schwören, weil er den Chinesen geholfen hat aufzuholen, sehen viele politisch Verantwortliche die Dynamik kritisch und registrieren, dass sie im Westen für die Finanzkrise mitverantwortlich war. Jenseits von Kulturrevolution und Neoliberalismus suchen sie

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen