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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2018
Der Mord und der Westen
Der Fall Saudi-Arabien: Handel, Macht und Menschenrechte
Der Inhalt:

Streitfragen zur Zukunft Braucht es einen Bildungskanon?

vom 09.11.2018
Leserstimmen Der Bildungsjournalist Thomas Kerstan plädierte für einen verbindlichen Bildungskanon. Ihm widersprach der Schulkritiker Bertrand Stern mit dem Argument: Bildung unter Zwang erzeugt nur Ablehnung. Jetzt haben die Leser das Wort

Ich habe Lew Tolstoi, Hermann Hesse, aber auch Karl May und Krimis gelesen, habe auch gern gespielt, und tue all dies immer noch gern (bin 68 Jahre alt). Aber es würde mir nie einfallen, daraus einen Kanon machen zu wollen. Bildung verstehe ich nicht in erster Linie als Wissensvermittlung, sondern als Potenzialentfaltung des Menschen und der Gesellschaft, in der er lebt. Da gehört doch viel mehr dazu! Zum Beispiel Selbsteinschätzung, Urteilsvermögen, Beziehungsfähigkeit. Giorgio Zankl, Publik-Forum online

Wann ist ein Mensch »gebildet«? Er ist sich des Spannungsverhältnisses zwischen der Autonomie des Individuums und seiner Gemeinschaftsbezogenheit und -gebundenheit bewusst; er kann sich in der technisch-wissenschaftlich orientierten Leistungsgesellschaft behaupten; er weiß, dass gesetztes Recht und Gerechtigkeit auseinander klaffen können; er kennt die Bedeutung der grundlegenden Begriffe des Staatswesens – Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat – ; er hat einen Zugang zum abendländischen Kulturgut. Und schließlich: Er setzt diese Kenntnisse in Haltung, Einstellung und Verhalten um; Lernen ist schließlich Verhaltensänderung. Wenn über all das Einigkeit erzielt ist, mag man darüber nachdenken, ob es zur Erreichung dieser Bildungsziele eines Kanons bedarf. Hans-Lorenz Lassen, Braunschweig

Keine Frage, es macht Spaß, Listen zu erstellen. Doch wer darf entscheiden, was in einen Kanon gehört? Abgesehen davon, dass Thomas Kerstan fast nur Werke von weißen Männern berücksichtigt, sind auch seine Einzelentscheidungen durchaus fragwürdig. Warum von Beethoven die Neunte – und nicht die Fünfte? Warum »Star Wars« statt »Bladerunner«? Warum Friedrich Schiller und nicht Paul Celan? Fängt man erst mal an, darüber nachzudenken, wird schnell klar, dass die Forderung nach einem »neuen Bildungskanon« im besten Fall nicht mehr ist als ein geistreiches Gesellschaftsspiel. Im schlechtesten Fall mündet sie in einer traurigen Zwangsveranstaltung. Denn selbst wenn es einen Konsens gäbe: Wer wollte diesen Kanon verbindlich durchsetzen? Was soll mit Menschen passieren, die sich weigern, »Hamlet« zu lesen oder Opern von Wagner zu hören? Nora Bürger, Wiesbaden

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