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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

»Umso intensiver lebe ich«

von Franziska Biederer vom 07.11.2014
Angela Krüger steht als Hospizhelferin Kranken und Sterbenden in ihrer letzten Lebensphase bei

Als Hospizhelferin begleite ich Menschen, die schwer krank sind und sterben werden. Jeder Mensch stirbt einmal – das ist einfach so. Den Tod erlebe ich mittlerweile als etwas Natürliches, nichts Böses.

Was ich jedem Kranken ermöglichen will, ist ein würdevolles Leben bis zuletzt. Wie viele meiner Hospizhelfer-Kollegen habe ich selbst einschneidende Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Als ich 38 Jahre alt war, starb mein Mann. Damals habe ich das Sterben weit von mir weggeschoben. Für mich war es damals unmöglich, dass ein Vater von drei kleinen Kindern stirbt – unsere jüngste Tochter war vier Jahre alt. Heute lebe ich in dem Bewusstsein: Wenn ein Mensch, den ich liebe, geht – egal ob Kind, Vater, Ehemann oder Großmutter –, dann schmerzt das immer. Der Tod kommt bei geliebten Menschen nie im richtigen Moment. Aber je stärker ich mich selbst mit dem Sterben auseinandersetze, umso intensiver lebe ich.

Vor zehn Jahren habe ich mich dazu entschlossen, Hospizhelferin zu werden. Ich will für Menschen in ihrer letzten Lebensphase da sein, sie nicht alleine lassen. Die Koordinatorin unseres Vereins in Schwandorf entscheidet ganz intuitiv, welchen Hilfesuchenden sie an welchen Begleiter vermittelt. Sie kennt uns, und das ist für beide Seiten wertvoll, denn so unterschiedlich wie Menschen leben, so indivi duell sterben sie. Als Hospizhelferin entscheide ich stets neu, wie ich mich bei meinem Gegenüber verhalte. Einmal habe ich eine Frau über anderthalb Jahre begleitet, ein anderes Mal kam ich erst am letzten Tag ans Bett eines Kranken. Er konnte nicht mehr sprechen. Ich habe seine Hand genommen und sanft berührt, damit er spürt: Es ist jemand für ihn da.

Nicht jeder schläft einfach ein, Sterben ist oft mit heftigen Schmerzen verbunden. Meist hilft eine entsprechende Schmerztherapie, welche die Schmerzen auf ein erträgliches Maß reduziert. Doch ich begleitete bislang nur Menschen, die sich am Ende mit einem unglaublich friedlichen Gesichtsausdruck verabschiedet haben. Es kommt auch vor, dass der Tod ein Lächeln auf das Gesicht der Toten zeichnet. Für mich ist es eine Ehre, in diesem Moment dabei zu sein. Ich glaube, ein bisschen können Sterbende es mitbestimmen, wann sie gehen und wer in der letzten Minute dabei sein darf. Ich bleibe danach sitzen, verweile einfach. Diese Stille empfinde ich als würdevoll und beruhigend. Nach einer langen Pause öffne ich das Fenster. Man

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