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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2012
Gefährlicher Reichtum
Warum wir eine gerechte Verteilung brauchen
Der Inhalt:

»Verbittert bin ich nicht«

von Annette Lübbers vom 09.11.2012
Erziehungsheim, Prostitution, Alkohol und Beinamputation: Das Leben hat es nicht gut gemeint mit Hannelore Wolf (64)

Als ich 1998 – im Alter von fünfzig Jahren – meinen zweiten Mann kennenlernte, hätte alles gut werden können. Er war Dachdecker, ein lieber Kerl. Er kannte meine Geschichte, und er akzeptierte sie. Eines Tages kam ich nach Hause, und er fragte: »Hanne, bist du das?« Ich antwortete: »Was soll das denn? Kannst du mich nicht sehen?« Er konnte nicht. Innerhalb von wenigen Stunden war er blind geworden. Die Diagnose: Strahlenkrebs. Acht Wochen später war ich – nach anderthalb Jahren Ehe – wieder allein.

Nein, das Leben ist wirklich nicht gut zu mir gewesen. Mein Vater hat uns verlassen, als ich noch ganz klein war. Mein Stiefvater prügelte mich – und verwöhnte meine beiden Halbschwestern. Mit 15 ging ich von der Schule ab, mit 18 kam ich in eine geschlossene Erziehungsanstalt und musste dort in einer Wäscherei arbeiten. Einmal im Monat kriegten wir so eine Art Freigang, unter Aufsicht, und das auch nur, wenn wir in Ordnung, Sauberkeit und Fleiß eine glatte Zwei hatten. Zweimal bin ich geflohen und wieder eingefangen worden. Nach der dritten Flucht landete ich in der Düsseldorfer Altstadt. Dort glaubte ich mich sicher. Sicher vor der Heimleitung, ja, aber nicht vor dem Altstadtmilieu. Doch das wusste ich nicht.

Mit 19 heiratete ich zum ersten Mal. Die Ehe hielt nur fünf Jahre. Danach geriet ich an einen Mann, der von Beruf Sohn war. Ungelernt, ohne Einkommen, aber höflich und nett. Jedenfalls am Anfang. Täglich saß er in der Kneipe und wartete darauf, dass ich ihm Geld brachte. Eines Abends sagte er: »Dreh doch mal ’ne Runde!« Ich wusste erst gar nicht, was er meint.

Eine Runde drehen, dass hieß in der Szene: auf den Strich gehen. »Das machen doch alle«, fügte er an. Beim ersten Mal habe ich mich geschämt; und dann war es irgendwann Alltag. Zwanzig bis dreißig Freier hatte ich – Spitzname Lolita – in der Woche. Dreißig oder vierzig Mark, wenn wir im Auto zur Sache kamen, hundert Mark, wenn der Freier ins Hotel wollte. Das Geld musste ich abliefern, bis auf den letzten Pfennig.

Ohne Alkohol war dieses Leben unerträglich. Irgendwann fand er Geld, das ich für meinen Ausstieg gespart hatte. Da gab es gleich blaue Augen. Einmal hat er mich in die Wade getreten. Die Abdrücke vom Absatz kann man heute noch sehen. Oder er hat Zigaretten auf mir ausgedrückt.

Nach vier oder fünf Jahren habe ich mich ohne ein Wort in den nächste

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