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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2018
Mensch oder Profit
Woran die Pflege krankt. Und wie es besser geht
Der Inhalt:

Wer Arbeit will, kriegt eine

von Karin Finkenzeller vom 26.10.2018
Anstatt Sozialhilfe bezahlt der französische Staat Langzeitarbeitslosen einen Job

Sébastien Riodel hat wieder eine Aufgabe. »Während der Revolution war Mauléon ein wichtiger Schauplatz im Kampf königstreuer Bauern und Adliger gegen die Aufständischen. Die beiden Kreuze oben auf dem Hügel erinnern noch an die Schlachten«, erzählt er einer Schulklasse über seine Heimat in der westfranzösischen Provinz, eine knappe Autostunde entfernt von Nantes. Für die Dauer des Ausflugs scheint der Vierzigjährige sogar seinen Gehstock zu vergessen, der in den vergangenen Jahren so oft jede Bewerbung um einen Job zunichte machte. »Selbst Unternehmer, die Behinderte beschäftigen, schüttelten bei seinem Anblick den Kopf«, erinnert er sich. »Sie hatten Angst, dass ich krankheitsbedingt zu oft ausfalle.«

Sechs Jahre lang war Riodel deshalb arbeitslos, lebte zuletzt von monatlich 470 Euro Sozialhilfe. Er, der sich als Altenpfleger einen so schweren Bandscheibenvorfall zuzog, dass selbst zwei Operationen kaum Linderung brachten, war plötzlich von anderen finanziell abhängig. Bis er von einer Idee hörte, die seinem Leben eine Wende geben sollte.

»Territoires zéro chômeurs de longue durée« heißt sie. »Gebiete mit null Langzeitarbeitslosen«. Anstatt Arbeitslose an den Tropf öffentlicher Kassen zu hängen, subventioniert der Staat während einer Testphase von fünf Jahren Arbeitsplätze mit dem Geld, das er ohnehin für deren Unterstützung ausgeben müsste. Studien zufolge sind das rund 18 000 Euro pro Jahr und Langzeitarbeitslosem – aktuell insgesamt fast 36 Milliarden Euro.

Ein Pilotprojekt, das im Januar 2017 in zehn französischen Kommunen startete, ist so erfolgreich, dass es bald ausgedehnt werden könnte. Auf Drängen von Sozialverbänden, aber auch Politikern verschiedenster Couleur hat Staatschef Emmanuel Macron das Experiment in seinen kürzlich vorgestellten Plan zur Bekämpfung der Armut im Land aufgenommen.

»Das erste positive Fazit, das wir ziehen können, ist ein außerordentliches Engagement der Langzeitarbeitslosen. Im Gegensatz zu den üblichen Vorurteilen wollen sie wirklich arbeiten«, sagt Patrick Valentin. Er ist Vorsitzender der 1957 von einem katholischen Pfarrer gegründeten Hilfsorganisation ATD Quart Monde und Initiator des Projekts. In Frankreich mit seinen derzeit fast 3,5 Millionen Erwerbslosen mangele es nicht an Arbeit, sondern an rentablen Jobs. »Es gibt Arbeitslosigkeit, weil das allein auf Gewinn ausge

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