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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2015
Das neue Deutschland
Herausforderung Flüchtlinge: So kann das Miteinander gelingen
Der Inhalt:

Sozialprotokoll
Mädchen für alles

von Esther Lehnardt vom 23.10.2015
Grazia Kurega* (53) ist Verkäuferin bei Toys’R’Us und setzt sich als Betriebsrätin für bessere Arbeitsbedingungen ein

Seit fast 25 Jahren arbeite ich bei Toys’R’Us. Angefangen habe ich als Aushilfe. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Obwohl ich keine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau habe, bekam ich nach zwei Jahren eine Festanstellung. Doch seitdem sind die Arbeitsbedingungen beim Spielzeug-Discounter Toys’R’Us immer schlechter geworden – für mich, besonders aber für die Kollegen, die neu eingestellt wurden. Denn sie bekommen nur noch Teilzeitverträge. Das ist ein Problem, denn mit 8,70 Euro pro Stunde werden wir nur knapp über dem Mindestlohn bezahlt. Viele haben zwei Jobs, um Miete zu zahlen, Essen und auch mal neue Kleidung kaufen zu können. Auch auf mich als Vollzeitkraft hat die Teilzeitarbeit meiner Kollegen Auswirkungen. Sie müssen sich das so vorstellen: Der eine Kollege geht um 13 Uhr, und die Kollegin kommt erst um 15 Uhr. In den zwei Stunden, die dadurch unbesetzt sind, muss ich deren Arbeit zusätzlich übernehmen.

Meine Hauptaufgabe ist die Kundenbetreuung. Das heißt, ich berate, etwa wenn jemand ein Geburtstagsgeschenk für das Enkelkind sucht. Außerdem bearbeite ich Reklamationen, wenn ein Spielzeug doch nicht das Richtige war oder zu schnell kaputtging. Außerdem kümmere ich mich darum, dass bei den Kassen alles reibungslos läuft. Das sind viele Aufgaben, die ich aber gern erledige.

Durch die Teilzeitverträge mache ich allerdings manchmal fünf Jobs gleichzeitig. Ich sitze dann zusätzlich an der Kasse, bediene nebenbei die Kunden, gehe schnell ans Telefon und erledige den Papierkram, wenn neue Ware angeliefert wird, nehme eine Reklamation entgegen und gebe die Puppe aus, die ein Kunde im Internet als Geschenk für seine Tochter bestellt hat. Ich bin dann Mädchen für alles. Manchmal gibt der Marktleiter vor, dass wir an der Kasse nach Kundenkarten oder Postleitzahlen fragen müssen. Und dabei musst du immer lächeln, freundlich sein und den Kunden gut beraten, obwohl der Rücken schmerzt und der Kopf von so vielen Aufgaben brummt. Am Ende des Tages habe ich mir dann den Mund fusselig geredet und bin einfach nur gereizt und erschöpft.

Auch die langen Ladenöffnungszeiten belasten mich sehr. Früher hatte die Filiale nur bis 18.30 Uhr geöffnet. Heute schließen wir erst um 20 Uhr. Das schlaucht. Wenn ich bedenke, dass es Supermärkte gibt, die bis 22 Uhr geöffnet haben, wird mir mulmig. Von der Politik wünsche ich mir, dass die Öffnungszeiten wieder

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