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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2014
Wie mich mein Glaube trägt
Von Menschen, die Gott suchen
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Post-Moderne

vom 24.10.2014

Eigentlich hätten wir unseren Paketboten zur Hochzeit einladen müssen. Gemessen an der Anzahl der Sprints, die er in den vergangenen Jahren zu uns in den dritten Stock absolviert hat, schlägt er selbst engste Freunde in Sachen Besuchshäufigkeit um Längen. Er weiß alles über uns. Wie wir ungekämmt und nur mit Handtüchern bekleidet aussehen. Dass das Kind, das ihm mit frühstücksverschmiertem Mund gern freudig entgegenläuft, viel zu oft Nutella essen darf (was wir den engsten Freunden lieber verschweigen). Er gratulierte uns zu Schwangerschaften, bevor unsere Arbeitgeber Bescheid wussten, und reimte sich auch scharfsinnig zusammen, dass wir zu heiraten gedachten, als auf unseren Paketen Absender wie www.hochzeitsdeko-online.de auftauchten. »Glückwunsch!«, sagte er lieb und schweißüberströmt.

Ja, ich hatte ein schlechtes Gewissen, als ich ihn 18 Paar helle Schuhe in sperrigen Kartons die 61 Stufen zu unserer Wohnung hinaufschleppen ließ, um sie anzuprobieren und 17 davon wieder zurückzuschicken. Dann geschah etwas Seltsames. Meine Freundin Jule erspähte die wunderbaren blassrosa Riemchenschuhe aus dem dreizehnten Paket, für die ich mich schließlich entschieden hatte, völlig analog im Schaufenster der kleinen Schuhboutique bei uns um die Ecke.

Äh, wie jetzt: Ich hätte einfach einen Laden aufsuchen können? Wie viele Menschen meiner Generation habe ich fast vollständig verdrängt, dass es auch für Dinge, die über den täglichen Bedarf (Lebensmittel, Duschgel, Feierabendbier) hinausgehen, so etwas wie stationäre Geschäfte ohne »www« im Namen gibt – also Einrichtungen, die man durch eine Tür betritt, in denen man einem Menschen statt einer Suchmaske schildert, was man erwerben möchte, woraufhin dieser Mensch mehrere Waren vor einem ausbreitet und mehr oder weniger ehrlich deren Vorzüge schildert (»Das hab ich selbst zu Hause« oder »Senfgelb steht Ihnen ausgezeichnet«).

Ich halte mich für jemanden mit ausgeprägtem Sinn für ökologische und soziale Zusammenhänge. Nur leider ist das Selbstbetrug. Schlimmer, ich tue Dinge, von denen ich genau weiß, dass sie der absolute Wahnsinn sind. Das Ausufern des Prinzips »Im Internet bestellen«, sozusagen die Post-Moderne, ist ja eine der großen Paradoxien der Postmoderne.

Denn auch wenn ich – wie die meisten meiner Freundinnen und Freunde – einen Pake

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