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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2012
Hoffen und Widerstehen
Konziliare Versammlung: Reformchristen suchen einen neuen Aufbruch
Der Inhalt:

Was ist das für eine Liebe?

von Jörg Heimbach vom 26.10.2012
Im Ritual der Beschneidung wird der Bund zwischen Gott und den Menschen mit Schmerz verknüpft. Doch ein solches Gottesbild ist doppelbödig. Eine Erwiderung auf Melitta Müller-Hansen

Zunächst: Ich finde es richtig, dass die Beschneidung – gerade in Deutschland – nicht aufgrund »staatlicher Gewalt« verboten wird. Und doch möchte ich einen Gedanken zur Diskussion stellen, der an einem theologischen Widerspruch entsteht, den ich in der Beschneidung erkenne. Damit möchte ich zugleich dem Beitrag von Melitta Müller-Hansen (Publik-Forum 18/2012) zur Beschneidung widersprechen.

Für Müller-Hansen ist das »wichtigste Kriterium, das eine lebendige Religion ausmacht, wie viel Liebe, wie viel Lebensweisheit in ihr ist.« Und genau nach dieser Liebe frage ich: nach der Liebe Gottes und ihrem besonderen Ausdruck im Zeichen der Beschneidung. Ich frage nach dem Zusammenhang von Schmerz und Beziehung.

Die Beschneidung ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem männlichen Teil Israels. Was bedeutet es aber, wenn Beziehung, Verbindung, ja Liebe in einem Raum von Schmerz und Bemächtigung wurzeln? Ich frage als Theologe: Welches Bild von Gott und den Menschen teilt sich hier mit? Welche Form der Beziehung? Was ist das für eine Liebe? Was passiert da eigentlich in und mit der Beschneidung?

Die Beschneidung ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel. Die Beziehung, die hier gestiftet wird, hat aber deutlich auch die Färbung einer Bemächtigung des männlichen Juden durch Gott. Männer wissen, wovon ich spreche. Ein anderes Wort für Penis ist auch »Ge-mächt«. Die Potenz von Männern macht sich eben auch an diesem Körperteil fest. Ist Beschneidung dann so etwas wie eine (angedeutete) De-Potenzierung durch Gott? Für den Psychiater Sigmund Freud war die Kastrationsdrohung, die in der Beschneidung liegt, ein Mittel der Machtausübung, der Herrschaftssicherung des »Vaters« gegenüber dem Sohn. Und selbst wenn übrigens nicht nur die feministische Theologie, sondern auch die klassische kirchliche Dogmatik auf die Notwendigkeit der »Begrenzung« menschlich-männlicher Potenz hinweist, so scheint mir die Beschneidung, dann ja verstanden als Demütigungsgestus, der falsche Weg, dieses Anliegen zu symbolisieren.

Wenn ich einem anderen gegenüber meine Verbindung zu ihm andeuten will, wenn ich einen Bund schließen, Verbindlichkeiten herstellen möchte, wenn ich Zuwendung und Zuneigung ausdrücken will, mein Bedürfnis nach Nähe und nach einer gemeinsamen Geschichte, dann nehme ich diesen Menschen in meine Arme und verletze i

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