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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2016
»Schaut doch mal rein in die Bibel!«
Bodo Ramelow über Christsein und Kapitalismus
Der Inhalt:

Nachgefragt: Wie gegen Armut mobilisieren?

von Anne Strotmann vom 07.10.2016
Fragen an Robert Trettin, Vizesprecher der Nationalen Armutskonferenz

Publik-Forum: »Jeder Fünfte ist in Deutschland von Armut bedroht.« Herr Trettin, kann man mit solchen Sätzen Aufmerksamkeit erregen?

Robert Trettin: Das wird überhaupt nicht so wahrgenommen. Die Leute müssten eigentlich auf die Straße gehen, aber die Armut nimmt schleichend zu, durch Veränderungen im Gesundheitssystem, Abbau von Sozialleistungen und so weiter.

Was antworten Sie, wenn Sie hören, dass in Deutschland niemand wirklich arm sei?

Trettin: Ich sage: Dann hast du nicht genau hingeguckt. Wir reden immer von relativer Armut, also davon, dass Menschen in Deutschland nur im Vergleich zu ihrem sozialen Umfeld arm sind. Wir haben tatsächliche Armut. Jeder, der Hartz IV bezieht, ist arm: Der Regelsatz ist kaum ausreichend, vor allem darf nichts passieren, man darf nicht krank werden, die Waschmaschine oder die Brille dürfen nicht kaputtgehen. Gesellschaftliche Teilhabe ist kaum möglich, wenn man sich nicht einmal das Getränk beim Stammtisch leisten kann.

Warum ist es so schwer, gegen Armut zu mobilisieren? Die Nationale Armutskonferenz versucht das jetzt seit 25 Jahren.

Trettin: Betroffene haben sich daran gewöhnt. Sie sind mutlos, lassen sich von den Behörden verunsichern, kennen ihre Rechte nicht. Ich schätze, dass sich nur zehn Prozent überhaupt wehren. Der Tenor der Nichtbetroffenen ist: Die Leute sind selber schuld. Solange das Leben noch funktioniert, kümmert sich keiner. Obwohl auch dem Mittelstand die Armut droht, aber der verdrängt das lieber. Antriebsfeder ist meist erst die eigene Betroffenheit, wenn überhaupt. Ich höre oft: »Warum hilfst du denen? Das nützt ja doch nichts.«

Der Hartz-IV-Satz wird jetzt um ein paar Euro erhöht, die Lohnabschlüsse der Gewerkschaften liegen deutlich höher. Das heißt doch: Arme haben keine Lobby.

Trettin: Arme haben eine viel zu kleine Lobby im Vergleich zur personell und finanziell gut ausgestatteten Lobby der Wirtschaft. Deren Lobbyisten und Berater von Bertelsmannstiftung und McKinsey beeinflussen die Politik bis heute, auf dass Hartz-IV-Sätze kleingerechnet werden.

Welche Fehler machen diejenigen, die sich für Arme einsetzen?

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