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Die Brandstifter

von Christian Urech vom 09.10.2015
Die SVP missbraucht die Flüchtlinge, um Wahlkampf zu betreiben. Damit begibt sie sich in gefährliche Nähe zu Rechtspopulisten und sogar zu rechtsextremen Gruppierungen. Das ist nicht neu, erreicht aber neue Dimensionen der Unmenschlichkeit

Ich habe Asmeret (Name geändert) beim Deutschunterricht in der Klubschule kennengelernt. Anfangs noch scheu, erzählte sie uns mit der Zeit ihre ganze Geschichte. Die ausgebildete Ingenieurin befindet sich seit 2011 in der Schweiz. Sie schildert ihr Leben als Angehörige des Mittelstands in der Nähe von Nakfa, einer Stadt im Norden des Landes. Nach dem Schulabschluss werden in Eritrea automatisch alle Abgängerinnen und -gänger in den Militärdienst eingezogen – die meisten für ein Leben lang. Es geht also nicht um ein paar Wochen Rekrutenschule und einige Wiederholungskurse, wie manche Vertreter der SVP uns wohl glauben machen wollen. Stattdessen hausen die jungen Männer und Frauen in den Militärlagern unter furchtbaren Bedingungen wie Gefangene ihres eigenen Regimes. Auf Fahnenflucht stehen Strafen in Lagern und Folter. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezeichnet Eritrea als ein einziges »gigantisches Gefängnis«.

Wer aus den Fängen des Militärregimes entkommen will, dem bleibt nur die Flucht. Vor allem junge Eritreer laufen davon – eine ganze Generation ist bereits geflohen. Die meisten suchen Zuflucht in Kenia, Uganda oder im Südsudan, wo sie relativ leicht Bleiberecht erhalten. Nur die wenigsten wagen die riskante Reise nach Europa. Viele haben bereits Angehörige in Europa, die die beschwerliche Reise durch die Sahara mittels Schleppern und die teure Überfahrt über das Mittelmeer finanziell überhaupt ermöglichen. Eritreer erhalten in der EU meistens Asylstatus. Doch dazu müssen die Fahnenflüchtigen es erst nach Europa schaffen.

Asmeret schafft es zunächst zu Fuss über die Grenze nach Äthiopien. Das ist der Beginn einer Odyssee, die insgesamt fast sieben Monate dauert. Durch den Sudan schlägt sie sich bis Tripoli in Libyen durch. Unterwegs merkt die zierliche junge Frau, dass sie schwanger ist. In Tripoli ist vorläufig Endstation, sie landet in einem Flüchtlingslager des Gaddhafi-Regimes, das einem Gefängnis gleicht. Die Situation im Land ist chaotisch, das Regime des Diktators liegt in den letzten Zügen. Am 20. Oktober 2011 wird dieser gestürzt und getötet, im Land bricht nun erst recht das Chaos aus. Asmeret hat grosse Angst – auch um ihr ungeborenes Kind. Obwohl sie weiss, wie gefährlich es ist, opfert sie ihr letztes Geld und vertraut sich einem der überfüllten Kähne an, der sie nach Europa bringen soll. Sie hat Glück und l

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