Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2014
Revolutionäre, wo seid ihr geblieben?
Der Herbst 1989 und sein Erbe
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich kriege keine Luft«

von Eric Breitinger vom 10.10.2014
Wegen seiner Duftstoffallergie kann Daniel Endres (47) kaum noch aus dem Haus gehen: Alltägliche Stoffe lösen bei ihm Asthma aus

Es war ein kleines, unschuldiges Pfefferminzblatt. Wir saßen alle um den Tisch beim Fleischfondue. Meine Schwester brachte die Dessertteller – ein Blatt lag zur Dekoration auch auf meinem. Der Duft stieg mir in die Nase. Sofort schnürte es mir die Kehle zu. Schluss. Ich kann nicht mehr atmen. Es wird eng um meine Brust. Dazu die Angst, die innere Hektik. Nur Ruhe jetzt, reiß dich zusammen. Ich stehe auf, fingere das Notfall-Set aus der Tasche, nehme die Tabletten, lasse die Hosen runter, jage mir die Kanüle in den Oberschenkel, drücke. Das Adrenalin schießt mir in die Adern, verteilt sich im Körper. Nach ein paar Sekunden öffnen sich die vom Asthmaanfall verklebten Lungenbläschen. Nach einer Stunde konnte ich wieder durchatmen. Es war kein schwerer Anfall, aber der Abend war ruiniert. Die Kinder meiner Schwester haben sich verzogen. Sie kennen das. Sie können das nicht ab, sagen sie.

Angefangen hatte alles mit einem entzündeten Weisheitszahn und einem ausgehängten Unterkiefer. Bis heute hatte ich 24 Operationen. Die Ärzte implantierten mir 1992 Rindsknorpel, den ich nicht vertrug. Danach reagierte ich zum ersten Mal allergisch auf Düfte. Viele Ärzte hielten mich für einen Simulanten. Heute ist klar: Ich bin kein Patient nach Lehrbuch. 36 allergene Stoffe stehen in meinem allergologischen Gutachten von Professor Dr. A. Bircher vom 18. September 2000. Heute wäre die Liste doppelt so lang. Mich muss nur ein Hauch von einem Geruch anwehen, egal ob von Parfüm, Putzmittel oder Pfeffer, schon kriege ich keine Luft mehr. Oder es ist etwas im Essen. Zum Beispiel Rosinen, Mandeln, Spinat, Orangen oder ein E-Zusatzstoff. Oder ich bekomme irrtümlich Aspirin oder Brufen. Die Anfälle sind heute häufiger und heftiger als früher. Keiner weiß warum. Es ist jetzt oft knapp: Viermal raste ich in diesem Jahr mit Blaulicht ins Spital. Dreimal kam ich auf die Intensivstation, danach ins Einzelzimmer mit Spezialdiät.

Bis vor vier Jahren arbeitete ich noch im Büro der Bruno-Manser-Stiftung in Basel mit. Manser kämpfte als Umweltaktivist auf Borneo für die Rechte der Ureinwohner und gegen die Abholzung des Regenwaldes. Im Jahr 2000 verschwand er dort spurlos, im Jahr 2005 erklärte ihn ein Gericht für tot. Er ist der Onkel meiner Exfrau. Danach arbeitete ich ehrenamtlich für die Wildtierforschung der Stadt. Ich liebe es, in der Dämmerung auf die Pirsch zu gehen, um die Kaninchenbestände

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen