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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2013
Gehätschelt und doch betrogen?
Familien in Deutschland
Der Inhalt:

»Wir sind hier Sklaven«

von Pavel Lokshin, Agentur n-ost vom 11.10.2013
»Pussy-Riot«-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa (23) will nicht schweigen und berichtet über das Straflager IK 14

Ich habe Gliederschmerzen, Schwindel, Kopfschmerzen, wie bei einer Vergiftung. Tatsächlich kommt das durch meinen Hungerstreik, den ich jetzt beendet habe. Ich bin aus dem Straflager an einen »sicheren Ort« verlegt worden, befinde mich nun in Einzelhaft. Aber angesichts der Umstände im Straflager IK14 für Frauen hier im russischen Mordwinien ist das verhältnismäßig leicht zu ertragen.

Meine Brigade in der Nähwerkstatt arbeitet täglich 16 bis 17 Stunden. Von 7.30 Uhr bis 0.30 Uhr. Schlaf gibt es höchstens vier Stunden täglich. Einen freien Tag haben wir in anderthalb Monaten nur einmal. Fast alle Sonntage sind Arbeitstage. Die Verurteilten schreiben Anträge, sie würden gern »freiwillig« sonntags arbeiten. Solche Anträge werden unter Zwang geschrieben, nach Order der Gefängnisleitung und der Häftlinge, die den Willen der Gefängnisleitung kundtun. Niemand wagt es, Ungehorsam zu zeigen – etwa den Antrag auf Sonntagsarbeit nicht zu schreiben oder den Arbeitsplatz vor ein Uhr nachts zu verlassen. Eine fünfzigjährige Frau hatte gebeten, um 20 Uhr statt um 0.30 Uhr in den Wohnbereich gehen zu dürfen, damit sie sich um 22 Uhr hinlegen kann und zumindest einmal in der Woche acht Stunden Schlaf bekommt. Ihr ging es gesundheitlich schlecht, sie hatte hohen Blutdruck. Als Reaktion wurde eine Gruppenversammlung einberufen, die Frau gemaßregelt, erniedrigt und als Schmarotzerin beschimpft. »Was, hast du es eher nötig zu schlafen als die anderen? Dich sollte man richtig einspannen, du Pferd!« Wenn jemand aus einer Brigade krankgeschrieben ist und nicht zur Arbeit kommt, wird ebenfalls Druck ausgeübt. Frauen mit vierzig Grad Fieber nähen darum trotzdem.

Der Alltag in der Kolonie ist so aufgebaut, dass die Unterdrückung des Willens des Einzelnen, seine Einschüchterung, seine Verwandlung in einen stummen Sklaven durch die Häftlinge selbst geschieht, nämlich durch solche Häftlinge, welche die Brigaden leiten und Order von der Gefängnisleitung bekommen.

Um die Disziplin und Fügsamkeit der Häftlinge zu erhalten, wird oft ein System von informellen Strafen eingesetzt wie das Verbot, die Baracke zu betreten, egal, ob es Herbst oder Winter ist.

Im Trupp für Behinderte und Rentner gibt es eine Frau, der wegen des Zutrittsverbots bei eisiger Kälte ein Bein und Finger an den Händen amputiert werden mussten. Dann gibt es noch das Hygiene

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