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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2012
Wenn es den Himmel gäbe
Gott in der Literatur der Gegenwart
Der Inhalt:

Die zweite Chance

von Thomas Kroll vom 05.10.2012
Matthias Glasners Film »Gnade« erzählt von Schuld und Selbstgerechtigkeit, Gewissensbissen und Vergebung

Zu Beginn ein Triptychon mit Kleinfamilie: Niels, Maria und ihr Sohn Markus wollen Kiel verlassen. Am nördlichen Polarkreis soll ein gemeinsamer Neuanfang gelingen. Dann fliegt man über Wasser und verschneite Landschaft. Polarnacht rund um Hammerfest. Niels arbeitet in der größten Erdgasverflüssigungsanlage Europas. Rasch beginnt er eine Affäre mit Linda, der hübschen Kollegin. Ansonsten widmet sich der Ingenieur der Viehzucht und geht mit seinem Sohn zum Eisfischen. Maria arbeitet im Hospiz und singt im Kirchenchor. Mitunter bedanken sich Verwandte von Verstorbenen bei ihr mit Blumen. Gerne übernimmt die Krankenschwester eine Extraschicht. Ihre Chefin ist schwanger.

Eines Abends fährt Maria übermüdet heim. Plötzlich ein Schlag, ein ungewohntes Geräusch am Auto. Ein Tier, ein Gegenstand? Maria hält an, schaut in den Rückspiegel, wagt aber nicht auszusteigen – und fährt weiter. Daheim erzählt sie Niels von der Begebenheit. Der fährt die Strecke schließlich nochmals ab. Nichts zu sehen. Am übernächsten Tag berichtet die Zeitung von einem 16-jährigen Mädchen, das angefahren wurde, sich in ein Schneeloch am Straßenrand retten konnte und dort erfroren ist. Keine Zeugen. Die Polizei tappt buchstäblich im Dunkeln.

Fahrerflucht mit tödlichen Folgen. Ein Wendepunkt. Nichts ist mehr, wie es war. Zu Scham und Schuldgefühlen gesellt sich Angst: »Ich werde immer die sein, die das Mädchen liegen und hat sterben lassen, und du wirst immer der Mann von der Frau sein, die das Mädchen liegen und hat sterben lassen.« Ihrem Mann ringt Maria das Versprechen ab, Stillschweigen zu bewahren.

Von da an ist es ähnlich wie in Hitchcock-Filmen: Das Kinopublikum weiß »mehr«, muss spannungsgeladene Momente aushalten und kann nicht helfend eingreifen. Man sieht zum Beispiel, wie der Vater des toten Mädchens Heu für Niels’ Schafe bringt, aber nichts erfährt. Man muss erleben, wie Niels am Straßenrand beim Unfallkreuz steht und die Mutter der 16-Jährigen trifft. Die bedankt sich für seine Anteilnahme. »Nein, keinen Dank«, entgegnet er hilflos.

Einen ersten Befreiungsschlag inszeniert Glasner im Hubschrauber. Eine atemberaubende, paradoxe, ebenso befremdende wie faszinierende Szene, was Nähe und Distanz anbelangt: Niels und Linda sind nicht allein, ohrenbetäubender Lärm, rudimentärer Kontakt über Mikrofon und Kopfhörer. Als Linda Niels vorwirft, er wolle nur Sex mit ihr, ö

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