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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
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Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

Sie ist kein leiser Typ

von Waltraud Schwab vom 09.10.2009
Helene Jarmer, grüne Nationalrats-Abgeordnete in Wien, debattiert im Parlament in der Gebärdensprache

Helene Jarmer will nicht schweigen. Deshalb wurde sie Politikerin. Seit Juli sitzt die große, blonde Frau für die Grünen im österreichischen Parlament. Ganz leicht ist es jedoch nicht für sie, sich Gehör zu verschaffen. Denn die 1971 geborene Wienerin ist gehörlos.

Als sie zwei Jahre alt war, ertaubte Jarmer durch einen Unfall. Erinnerungen ans Hören hat sie kaum. Mit einer Spieluhr ihrer Mutter verbindet sie immer noch ein wohliges Gefühl. Doch Kirchen kann sie nichts mehr abgewinnen. »Ich hatte sie mit Musik gefüllt gefühlt. Dann waren sie plötzlich ohne Musik. Seither finde ich Kirchen fad.«

Der Verlust des Gehörs ist ein Schicksalsschlag. Helene Jarmer gehört nun einer Minderheit an, die sehr darum kämpfen muss, in die Gesellschaft integriert zu sein. In Österreich leben etwa 10 000 Gehörlose. Allerdings macht ihr Schicksal Helene Jarmer zu einer Gleichen mit ihren Eltern. Denn diese sind ebenfalls gehörlos. Helene Jarmers Muttersprache ist die Gebärdensprache.

Helenes Eltern kennen die Schwierigkeiten, die Gehörlose haben, wenn es um Zugang zu Bildung geht. Deshalb fördern sie die Tochter in jeder Hinsicht. Helene Jarmer schafft ein Uni-Studium. Das kommt bei Gehörlosen nicht oft vor. Im Gegenteil: Zwei Drittel der Gehörlosen – auch der rund 80 000 in Deutschland – gelten nahezu als Analphabeten. Gehörlose müssen sich die Lautsprache mühsam wie eine – nie gehörte – Fremdsprache aneignen. Trotzdem werden sie oft selbst an Gehörlosenschulen in der Lautsprache beschult. Dabei kann man durch Lippenablesen nur etwa dreißig Prozent des Gesagten verstehen. Hinzu kommt: Wer an Gehörlosenschulen in Österreich unterrichtet, muss die Gebärdensprache nicht können. »Das ist so, als wären Sie in der Schule von Lehrern unterrichtet worden, die eine x-beliebige Sprache sprechen, nur nicht Ihre.«

Helene Jarmer wird Pädagogin und Lehrerin. Eine streitbare. Sie und eine Freundin sind die ersten Gehörlosen in Österreich, die durchsetzen, dass sie an einer Gehörlosenschule unterrichten dürfen. Seit Jahren fordern Gehörlose bilingualen Unterricht in Gebärden- und Lautsprache für die nichthörenden Kinder. Helene Jarmer ist eine prominente Stimme in diesem Streit. »Wenn andere vorgegebene Bedingungen akzeptieren, obwohl diese besser sein könnten, ist das deren Entscheidung. Für mich gilt das nicht.« Sie wird nicht nur Leh

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