Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
Aufbrechen.
Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

Kirchenobere und Kondome

von Majella Lenzen vom 09.10.2009
Majella Lenzen: Ich musste meinen Orden verlassen – weil mein Engagement für Aidskranke in Tansania nicht gefiel

Fast 36 Jahre war Majella Lenzen Ordensfrau und Missionarin. 18 Jahre lang leitete sie das Turiani-Hospital in Tansania. Ab 1990 koordinierte sie die katholische Aids-Arbeit in der Diözese Moshi am Kilimandscharo. Doch diese Arbeit wurde ihr zum Verhängnis. Sie musste 1995 den Missionsorden vom Kostbaren Blut verlassen. In ihrem neuen Buch »Das möge Gott verhüten« erzählt sie aus ihrem Leben, darunter auch von jenem Ereignis, das ihr Leben grundlegend veränderte:

Die Kondome waren es am Ende, die mir zum Verhängnis wurden. Dabei war es noch nicht einmal mein eigenes Projekt, bei dem sich der für mich entscheidende Vorfall ereignete. Dennoch war ich »ausführend« daran beteiligt, weil ich im Aids-Projekt-Auto meiner Diözese dorthin fuhr und ein Paket mit diesen Verhütungsmitteln transportierte. Das tat ich auch mit vollem Einsatz, denn ich schätzte die Arbeit des Danida-Projekts (Danish International Development Agency), das eine befreundete Ärztin, Lucy Nkya, in Morogoro leitete. Ich hatte sie wiederholt zu uns in das Rainbow Centre nach Moshi eingeladen, und als staatlich anerkannte Aids-Beraterin und Dozentin hatte sie unsere Seminare unterstützt. Nun besuchte ich sie im Gegenzug, und als ich sie zu Hause abholte, stellte sie mir ihren jüngsten Sohn vor. Ein pausbäckiges Baby, das ich kurz im Arm halten durfte, bevor sie es einer Angestellten übergab, einer HIV-positiven Frau. Das allein hatte bereits Vorbildcharakter, gab es doch viele Menschen, die sich selbst vor einer Berührung mit HIV-Infizierten fürchteten.

Zusammen fuhren wir in das am Stadtrand gelegene Rotlichtmilieu von Morogoro, wo dicht gedrängt die ärmlichen Hütten der Prostituierten standen, durchzogen von stinkenden Abwasserrinnsalen. Ich staunte über die lachenden Kinder, die uns entgegenkamen. Mamisa begleitete uns. Diese beiden Frauen trugen das große Paket mit den Kondomschachteln, das sie mitten auf dem Platz abstellten. Die Prostituierten begrüßten sie mit den Worten: »Ahsante sana kwa biscuiti. Vielen Dank für die Kekse.« So nannten sie die Schachteln scherzhaft, auch ihrer diskreten Verpackung wegen. Jede nahm sich, so viel sie benötigte.

Die Ärztin erklärte mir, dass es lange gedauert hätte, bis sie das Vertrauen der Frauen dieses Viertels gewinnen konnte. Abends hielt sie sich in bestimmten Bars auf, damit sie in ihr keine Fremde mehr

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen