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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2015
Der große Auszug
Kirchenaustritte: Was jetzt auf dem Spiel steht
Der Inhalt:

»Sie hören immer noch die Bomben«

von Teresa Schneider vom 25.09.2015
Die Psychologin Maggie Schauer arbeitet mit traumatisierten Menschen in Kriegs- und Krisengebieten und Flüchtlingen in Deutschland. Ihre Warteliste ist schier endlos

Publik Forum: Frau Schauer, Tausende von Menschen strömen derzeit in unser Land, und wir stehen vor der Frage, wie wir sie alle versorgen können. Sie bieten Psychotherapie für Flüchtlinge an. Ist das in dieser Situation denn überhaupt wichtig?

Maggie Schauer: Ja, auf jeden Fall! Deutschland nimmt schwer belastete Menschen in großer Zahl in die Gesellschaft auf und denkt nur an Unterbringung, Sprachkurs und Arbeitsvermittlung. Um unter so widrigen Umständen, wie Flüchtlinge sie tagein, tagaus erleben, für sich und andere sorgen und Integration leisten zu können, spielt psychische Gesundheit eine immens große Rolle. Psychische Beschwerden erschweren das Zusammenleben in den Gemeinschaftsunterkünften, die Konzentration beim Deutschlernen, die Ausübung eines Berufs und den sozialen Umgang. Eine therapeutische Behandlung wird selbst von Hilfsorganisationen noch immer als Luxus betrachtet, den man später ins Auge fassen kann. Dabei ist sie für Notleidende zentral. Wenn wir Flüchtlinge nicht psychotherapeutisch versorgen, verschleppen wir die Probleme in unser Gesundheitssystem und in die nächste Generation.

Was haben Ihre Patienten erlebt?

Schauer: Viele Flüchtlinge, die etwa aus afrikanischen Kulturen zu uns nach Deutschland kommen, haben bereits in frühester Kindheit körperliche und verbale Gewalt in ihren Familien und der Schule erlebt. Zu der Erfahrung existenzieller Armut kommen Bürgerkriegssituationen, Folter, Vergewaltigungen, der Verlust geliebter Personen oder Naturkatastrophen. Schließlich versuchen die Menschen, versteckt in LKWs oder zusammengequetscht in viel zu kleinen Booten und Zügen nach Europa zu gelangen. Auf ihrem Weg werden sie häufig systematisch ausgebeutet und misshandelt. Flüchtlinge machen in ihrem Leben also häufig nicht nur eine einzelne traumatische Erfahrung, sondern werden mit einer ganzen Reihe von Traumata konfrontiert, zu denen weitere Not- und Krisensituationen hinzukommen. Diese Mischung aus belastenden Lebensereignissen macht die konventionelle Art zu therapieren schwierig.

Wie wirken sich diese schlimmen Erfahrungen aus?

Schauer: Traumatische Erlebnisse sind in einem so hohen Maß mit Angst, Scham, Schuldgefühlen und Hilflosigkeit verbunden, dass ihre zeitliche und räumliche Ei

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