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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2015
Der große Auszug
Kirchenaustritte: Was jetzt auf dem Spiel steht
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich bin richtig stolz«

von Claudia Mende vom 25.09.2015
Nadia Eid Mohammed (43) ist Witwe und Mutter von drei Kindern. Jetzt fand sie einen Job – und lernt lesen und schreiben

Vor vier Jahren ist mein Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, meine älteste Tochter war damals dabei und hat alles mit angesehen. Das war ein Schock für uns alle. Ganz furchtbar. Zu dem plötzlichen Verlust kamen dann noch Existenzsorgen. Ich hatte mich vorher ausschließlich um unser Zuhause und um die Kinder gekümmert, mein Mann hat das Geld verdient. Plötzlich stand ich im Alter von fast vierzig Jahren mit den drei Kindern alleine da und wusste nicht, was ich machen sollte. Ich hatte keinerlei Ausbildung und nie einen Beruf ausgeübt. Ehrlich gesagt, konnte ich noch nicht einmal lesen und schreiben.

Dann hat mir eine Bekannte von Sekem erzählt, der großen Biofarm zwischen Nildelta und Suezkanal. Da wir gar nicht weit weg von der Farm wohnen, habe ich mich dort erkundigt. Zu Sekem gehört auch Naturetex, ein Hersteller von Kinderkleidung in biologischer Qualität für den Export nach Europa und in die USA. Die Firma hat ungefähr 250 Mitarbeiter und stellt bevorzugt Frauen ein. Ich habe mich als Näherin beworben und wurde genommen. Das war ein großes Glück für mich. Ich habe ein zweiwöchiges Training bekommen und seitdem arbeite ich fünf Tage die Woche in der großen Werkhalle von Naturetex.

Jetzt ernähre ich die Familie. Ich verdiene hier genug für uns alle, aber ich arbeite auch sehr effektiv. Es gibt ein Grundgehalt plus Zusatzleistungen, je nachdem, wie viele Teile man schafft. Nicht alle Näher arbeiten so konzentriert, aber ich versuche immer möglichst viel in meiner Arbeitszeit zu schaffen. Ich bin Gott dankbar für meine Arbeit bei Naturetex. Denn ich bin wirklich sehr gerne hier. Die Arbeitszeiten stimmen, wir haben geregelte Pausen und können zum betriebseigenen Gesundheitszentrum gehen, wenn wir mal krank sind. Ich liebe meine Chefin. Sie ist einfach ein Schatz. Und meine Arbeit mag ich auch.

Besonders gerne nähe ich die Stoffpuppen, mit denen dann die Kinder in Deutschland oder in Amerika spielen. Heute zum Beispiel nähe ich die Kragen der blau-grün geringelten Puppen fest. An anderen Tagen fülle ich die Puppenkörper mit Baumwollresten auf oder ich nähe die Einzelteile von Ringelbodies für Babys zusammen. Da muss ich immer gut aufpassen, damit die Ringel vorne und hinten genau zusammenpassen.

Nach der Arbeit fahre ich mit dem Bus nach Hause, dann koche ich, räume auf

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