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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2015
Der große Auszug
Kirchenaustritte: Was jetzt auf dem Spiel steht
Der Inhalt:

Frühling in Guatemala

von Knut Henkel vom 25.09.2015
Korruption bestimmte lange Zeit die Politik in dem mittelamerikanischen Land. Doch nun haben die Bürger den Präsidenten aus dem Amt gejagt

Mit ausgestrecktem Arm hält Nicolás Carrera Belgís das Kreuz mit dem Corpus Jesu Christi nach oben und marschiert auf den Eingang des Kongresses zu, als wolle er den Teufel austreiben. In der anderen Hand schwingt er die guatemaltekische Flagge. »19 Wochen, nein 20 gibt es die friedlichen Demonstrationen schon und fast alle habe ich mitgemacht«, erklärt der gottesfürchtige Mann. »Endlich tut sich was. In den Himmel können sie das Geld doch nicht mitnehmen«, schiebt er dann kopfschüttelnd hinterher.

Es ist echte Empörung, die den Mann auf die Straße treibt. Das Ausmaß des Korruptionsskandals, welches das mittelamerikanische Land seit Wochen erschüttert, sorgt bei vielen Guatemalteken für Fassungslosigkeit. Es ist schließlich nicht nur das Korruptionsnetz, welches rund um Vizepräsidentin Roxana Baldetti und den vor wenigen Wochen abgetretenen Ex-Präsidenten Otto Pérez Molina aufgedeckt wurde. Auch viele Abgeordnete haben sich an den Regierungsfonds vergriffen. Mit schwerwiegenden Folgen.

Die Etats für Gesundheit, für die Schulen des Landes, auch für Investitionen wurden geplündert. »Darunter haben vor allem die Ärmsten in Guatemala zu leiden, denn das Hilfsprogramm, welches armen Familien in den Regionen helfen sollte, wurde bereits im Frühjahr des Jahres ersatzlos gestrichen – kein Geld, lautete die lapidare Erklärung«, erklärt Bischof Bernabé de Jesús Sagastume Lemus. Der 54-jährige Bischof gehört zu den Stimmen in der katholischen Kirche, die sich deutlich zur derzeitigen Situation in Guatemala äußern. Er bescheinigt dem in Untersuchungshaft sitzenden Otto Pérez Molina, jedes Maß verloren zu haben. »Das ist auch einer der Gründe, weshalb wir Bischöfe schon früh vor der Korruption, dem sinkenden Vertrauen in die Politik und vor der Ausbreitung der organisierten Kriminalität gewarnt haben.« Ihre Erklärung von Anfang Juni hat für weiteren Zulauf bei den Demonstrationen gesorgt, die jeden Samstag vor dem Präsidentenpalast stattfanden.

Bis zum Sturz des Präsidenten. Otto Pérez Molina war am 3. September zurückgetreten, nachdem das Parlament seine Immunität aufgehoben hatte. Anschließend wurde er wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft genommen. Dort musste der Ex-Präsident und Ex-General dann auch einen Wahltag miterleben, an dem die Wähler die etablierten Parteien abstraften und den Newcomer Jimmy Morales wählten. Der konservative Fernsehmoderator und Komiker

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