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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2015
Der große Auszug
Kirchenaustritte: Was jetzt auf dem Spiel steht
Der Inhalt:

Aufgefallen: Die Menschliche

von Britta Baas vom 25.09.2015
Angela Merkel macht Politik so pragmatisch, dass es förmlich wehtut. Umso erstaunlicher, dass sie Flüchtlinge tagelang ungehindert ins Land ließ

Was war da nur passiert? Die Bundeskanzlerin verkündete ihre Entscheidung so überraschend, dass selbst ihren Kritikern erst mal der Mund offen stand: Die in Ungarn zu Tausenden wartenden Flüchtlinge durften Anfang September plötzlich ungehindert nach Deutschland einreisen. Keine Grenzkontrollen, keine Definition irgendwelcher Kontingente. Die einen jubelten. Die anderen sagten: »Aha! Sie ist gar nicht so tough, wie sie immer tut. Sie neigt zu leutseliger Gefühlspolitik. Schlimm!«

Angela Merkel neigte selbst in diesem einen Moment genau dazu nicht. Sie entschied sich, das Chaos an Ungarns Grenzen zu beenden. Denn sie sah eine humanitäre Katastrophe nahen: Verdurstende Kinder, Polizeigewalt, verzweifelte Frauen und Männer. Und in Deutschland fühlte sie eine Mehrheit hinter sich, die Flüchtlingen helfen wollte. Eine Mehrheit, die ganz Europa zeigen konnte, was ein reiches Land zu leisten vermag, das keinen Krieg fürchten muss und in dem Multikulti wenigstens schon ein klein wenig normal geworden ist.

Tage später entschied Angela Merkel, die Grenzen wieder zu schließen. Eine ewig kontrolllose Einreise: Die hatte sie nie geplant. Ein paar Tage aber hatten gereicht, um zu zeigen: Seht her, wir können viele tausend Flüchtlinge in wenigen Tagen willkommen heißen – und unser Land bricht nicht zusammen. Und ihr anderen Europäer, ihr könnt das auch!

Ein bisschen Mutter Teresa, viel mehr aber mahnende Taktikerin: So ist Angela Merkel. So war sie schon immer. Für sie ist Politik ein pragmatisches Geschäft. Was gebe ich? Was bekomme ich heraus? Sie sieht etwas geschehen, beobachtet es genau – und entscheidet sich dann für die erfolgversprechendste Strategie. Instinkt nennen das die einen. Manche der anderen nennen es Charakterlosigkeit. In jedem Fall besitzt sie die Fähigkeit, im entscheidenden Moment Macht zu zeigen. Und, wenn es möglich ist, auch Menschlichkeit. Die Kritik an der offenen Grenze für alle Flüchtlinge parierte sie so: Wenn man Menschen in Not kein freundliches Gesicht zeigen dürfe, »dann ist das nicht mein Land«.

Diese Menschlichkeit kommt Merkels Pragmatismus allerdings manchmal in die Quere. So wie im Juli, als sie in einer Schule auf ein Mädchen traf, das vor ihren Augen zu weinen begann. Der Palästinenserin Reem drohte die Abschiebung. Die Kanzlerin wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie versprach keine Ausnahmeregelung; au

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