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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2014
Da geht noch was!
Träume leben im Alter
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Lauf, Jogger, lauf

von Bernd Müllender vom 26.09.2014
Unser Autor rennt und weint beim »Flame for Peace«, dem achtwöchigen Lauf für den Frieden von Sarajewo nach Aachen

Schlapp, schlapp, schlapp. Welches Geräusch macht eigentlich joggen, Schritt für Schritt, tausendfach, zehntausendfach? Egal: Wir sind gelaufen, ich bin gelaufen. Kilometer um Kilometer bei »Flame for Peace«. Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs haben wir eine brennende Fackel durch zwölf Länder Europas getragen und dabei viele Orte des Grauens gequert – wie das immer noch kriegsgeschundene Sarajevo, Srebrenica, Verdun, Düren, Hürtgenwald. Fast vier Wochen war ich dabei. Täglich dahinjoggend, mal acht, mal zwölf, mal fünfzehn Kilometer.

Pfock, pfock, pfock. Joggen mag Meditation in Bewegung sein. Gemeinsames Joggen in solch einem Projekt verbindet auf magische Weise. Die unterschiedlichsten Leute kommen einem sehr schnell sehr nahe – beim Organisieren (»Wer kümmert sich heute um Fackel und Zeremonie am Zielort?«), beim Unterstützen (»Den Berg schaffste noch locker, Lukas«) und beim Versorgen unterwegs (»Noch ’ne Banane, Heinz?«). Der Halbsyrer Emad hat ein Problem schon gelöst, bevor man merkt, dass man eines hat. Nikoleta lächelt so selig beim Laufen.

Quorsch, quorsch, quorsch. Laufen im prasselnden Regen pustet den Kopf besonders leer. Wer einmal durchweicht ist bis auf die Unterhose, dem ist alles egal. Nur weiter. Tropfend dahinschweben. Wieder klatschen Leute am Straßenrand. Danke. Ein serbischer Autofahrer zieht langsam mit Hupkonzert vorbei. Wie wundervoll nach einer Stunde Prasselregen eine heiße Instant-Tütensuppe schmeckt.

Einmal übernachten wir in einer bosnischen Kaserne. Beklemmend, Jahrzehnte nach dem größten Fehler meines Lebens (fünfzehn Monate Bundeswehr). Zwei Mal wird uns zu Ehren beim Etappenempfang die bosnische Nationalhymne gespielt. Der Urkraft solcher Hymnen kann man sich nicht entziehen. Jetzt verstehe ich, warum Olympiasieger heulen, wenn sie auf dem Podest stehen!

In Srebrenica laufen vierzig Kinder mit ins Ziel. Am Ehrenmal der 8000 Toten reihen sich sechs einheimische Frauen mit Kopftuch in unseren spontanen Gedenkkreis ein. Unserer bosnischen Mitläuferin Snjezana versagt die Stimme, als sie die Erzählung eines Überlebenden der Massaker übersetzen will. Allen steht das Wasser in den Augen. Weiter laufen, weiter sacken lassen, was serbische Faschisten hier 1995 anrichteten. Manchmal schämt man sich, Mensch zu sein.

Andererseits: Wir treffen so viele tolle Menschen unterwegs.

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