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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2012
Wer rettet den Euro vor seinen Rettern?
Europa am Scheideweg
Der Inhalt:

Sing dein Lied …

von Wolfgang Kessler vom 21.09.2012
… dann wissen alle, wer du bist. Eine Begegnung mit Harry Belafonte

Zugegeben, ich war unheimlich gespannt auf denAuftritt von Harry Belafonte. Zuletzt hatte ich den Sänger und Schauspieler 2004 in der Frankfurter Festhalle erlebt. Bei einem denkwürdigen Konzert. Damals war Belafonte einer der wenigen prominenten Künstler aus den USA, die öffentlich gegen den Irak-Krieg Stellung bezogen. Souverän war er damals auf die Bühne getreten – als Künstler und als politischer Aktivist.

Souverän trat er auch beim Filmfestival in Locarno auf – auch wenn sich der 85-Jährige inzwischen auf einen Stock stützt und von seiner Frau Pamela zur Bühne begleitet wird. Siebentausend Besucher der Freilicht-Arena auf der Piazza Grande von Locarno erhoben sich zu stehenden Ovationen, als Harry Belafonte den Ehrenpreis für seine Karriere entgegennimmt.

Die Gründe für das hohe Ansehen, das Harry Belafonte noch immer weltweit genießt, werden bei einem Gespräch in kleiner Runde deutlich. Freundlich, offen, aber auch nachdenklich wirkt er, als er sich bei glühender Hitze im Safari-Outfit zu uns setzt. Sein Blick ist wach. Kaum jemand nimmt wahr, dass er seit einer Operation auf einem Auge blind ist. Doch solche Äußerlichkeiten werden unbedeutend, wenn Belafonte von den verschiedenen Rollen erzählt, die er in seinem Leben gespielt hat: Sänger, Schauspieler und politischer Aktivist. Er ist ein leidenschaftlicher Erzähler.

Kaum hat er das Wort ergriffen, spricht er schon über sein wichtigstes Anliegen: Niemand auf der Erde soll jemals so in Armut und Elend aufwachsen wie er. Seine Mutter war in den 1920er-Jahren aus Jamaika illegal nach New York eingewandert und musste sich mit Aushilfsjobs durchschlagen. »Sie wollte immer raus aus Armut und Dreck«, sagt er respektvoll. Dass sie dies nie schaffte, nimmt er ihr nicht übel. Wohl aber, dass sie mit seinem Vater in die Alkoholsucht abglitt. Für mehrere Jahre schaffte sie Harry und seinen jüngeren Bruder auf einem Banana-Boat nach Jamaika und überließ die Jungs dort Verwandten. Erst nach Jahren durften sie zurück nach Harlem, dem Schwarzenviertel von Manhattan, und mussten dort erleben, wie die Armut alles um sie herum zerstörte. Einen Satz seiner Mutter hat Belafonte deshalb wie ein Vermächtnis verinnerlicht: »Man sollte sich abends nicht schlafen legen, wenn man sich tagsüber nicht gegen eine Ungerechtigkeit gewehrt hat.« »Deshalb werde ich«, sagt Belafonte, »noch heute zornig, wenn ich Unrecht und Armut erlebe.«

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