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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2012
Wer rettet den Euro vor seinen Rettern?
Europa am Scheideweg
Der Inhalt:

»Ich bin verwundbar«

von Melitta Müller-Hansen vom 21.09.2012
In der Debatte um die Beschneidung geht es um die Weisheit der Religion und die Kraft ihrer Rituale. Und um die Frage, wie Schmerz und Liebe zusammengehören

Seit Wochen bewegt eine Frage die Gemüter: Ist die Beschneidung strafrechtlich zu ahnden? Ist sie eine »rechtswidrige Körperverletzung«? Wird hier die Würde des Menschen, die Unversehrtheit eines Kindes, angetastet? Das Landgericht Köln ist dieser Auffassung. Der Körper des Kindes werde durch die Beschneidung dauerhaft und irreparabel verändert, hat es geurteilt. Und das stehe dem Interesse des Kindes entgegen, später selbst über seine Religionszugehörigkeit zu entscheiden.

Zunächst war ich entsetzt über das Urteil, fand es anmaßend, großmäulig, geschichtsvergessen. Müssen wirklich deutsche Juristen jüdische Kinder vor elterlichen Verletzungen schützen? Dann habe ich zugehört, was jüdische und muslimische Eltern sagen. Ich höre von jüdischen Müttern, dass sie es nicht aushalten, ihre ein paar Tage alten Babys diesem Schmerz auszusetzen, und den Raum verlassen. Ich höre, wie die einen erleichtert sind, dass sie nun öffentlich über ihre Bedenken und Ängste reden können; und wie die anderen, die große Mehrheit, stammeln, sich unverstanden und ausgegrenzt, ja in ihrem Überleben als Religionsgemeinschaft gefährdet sehen.

Ich spüre das Dilemma, dass Menschen einerseits an einem jahrtausendealten Ritual festhalten und darin etwas ausdrücken, was sie mit Gott und ihrer Religionsgemeinschaft verbindet. Und andererseits tritt ihnen eine kritische Öffentlichkeit entgegen, die zum Teil mit Religion nur Bevormundung, Rückständigkeit und Zwang verbindet. Die aber etwas sehr Wichtiges ins Gespräch bringt: dass sie sich keine weitere Verletzung durch Religion wünscht. Die Menschen sind sensibel geworden durch die Missbrauchsfälle, die in den vergangenen Jahren das Vertrauen in religiöse Autoritäten erschüttert haben. Denn der sexuelle Missbrauch hat nicht allein die katholische Kirche erschüttert. Er ist an die Grundfesten aller religiösen Gemeinschaften gegangen. Christen, Juden und Muslime sitzen in einem Boot. Positiv formuliert: Es ist gut, dass sie in einen wachen Dialog miteinander treten. Denn es geht um das Herzstück der Religion, um das wichtigste Kriterium, das eine lebendige Religion ausmacht: Wie viel Liebe, wie viel Lebensweisheit ist in ihr?

Der Vertrag. Im Buch Genesis des Alten Testaments heißt es: »Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, w

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