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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2012
Wer rettet den Euro vor seinen Rettern?
Europa am Scheideweg
Der Inhalt:

»Die Menschen lassen sich nichts mehr vormachen«

von Adelbert Reif vom 21.09.2012
Warum er gegen den Kapitalismus auf eine neue Aufklärung setzt – und auf die CDU. Fragen an Heiner Geißler

Herr Geißler, Ihr Buch »Sapere aude!« ist ein Plädoyer für eine neue Aufklärung, aber auch eine einzige Anklageschrift gegen die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen, wie sie heute in der Welt herrschen. Warum spitzen sich unterschiedliche Problemlagen derzeit so zu?

Heiner Geißler: Die Gründe liegen darin, dass sowohl in der Politik als auch in der Ökonomie die ethischen Fundamente weggebrochen sind. Man kann das am Beispiel des Kapitals deutlich machen. Kapital ist für sich genommen nichts Schlechtes. Aber es hat den Menschen zu dienen. Tatsächlich aber dienen die Menschen den Kapitalinteressen und werden vom Kapital beherrscht. An die Stelle von Gott ist der Markt getreten. Er ist der große Gott, der alles regelt. Und das Kapital ist der Götze, den alle anbeten müssen. Das ist ökonomisch, aber auch politisch die entscheidende Ursache für die totale Unordnung, die den Zustand unserer Welt heute kennzeichnet.

Sie machen den Kapitalismus für die negativen Entwicklungen verantwortlich.

Geißler: Der Kapitalismus hat drei Ziele, produzieren und produzieren, konsumieren und konsumieren und daraus Kapital akkumulieren, das heißt, Reichtum zu schaffen um des Reichtums willen. Erreicht werden können diese drei Ziele nur durch eine fortschreitende Ausbeutung der Menschen und der Erde, der Bodenschätze, der Ackerflächen, der Wälder, des Wassers sowie eine Zerstörung der Artenvielfalt und der Ökosysteme. Goethe hat in »Faust II« beschrieben, wie Faust in seinem Größenwahn versucht hat, dem Meer durch den Bau von Dämmen und Kanälen eine Grenze zu setzen, und daran gescheitert ist. Auf Vernichtung läuft’s hinaus, stellt Mephisto in der Beurteilung des Versuches fest. Der Kapitalismus ist heute die Vernichtungsmaschine, die sich gegen die Existenz der Menschen richtet.

Stellt der Kapitalismus auch eine Bedrohung für die Demokratie dar?

Geißler: Die parlamentarische Demokratie ist in der Tat dabei, sich selbst abzuschaffen. Politik und Demokratie sind offensichtlich nicht in der Lage, sich gegen die Kapitalinteressen durchzusetzen. Das lassen sich die Menschen auf die Dauer nicht gefallen. Sie fragen sich, ob die demokratisch gewählten Institutionen, die Parlamente, nicht stärker als die internationalen Finanzmärkte seien. Und wann endlich eine in

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